Von Matthias Naß

Tondern/Seebüll, im Mai

Ungeduldig scharrt der Kanzler in den frisch geharkten Kieseln. Die Hände über dem Bauch gefaltet blickt er über die satten nordfriesischen Wiesen. "Die Landschaft hat für Nolde eine entscheidende Rolle gespielt", erläutert Museumsdirektor Urban. Helmut Kohl nickt abwesend. Dann stürmt er mit langen Schritten, den dänischen Ministerpräsidenten Poul Schlüter im Schlepptau, in das Emil-Nolde-Museum von Seebüll im äußersten nordwestlichen Eck der Bundesrepublik.

Fünfzehn Minuten nehmen sich Helmut Kohl und Poul Schlüter Zeit für den Expressionisten, dem die Nazis wegen seiner "entarteten" Bilder 1941 Malverbot erteilten. Dann geht es in den Garten von Noldes früherem Wohnhaus. Professor Urban weist über die leuchtende Blumenpracht hinweg auf ein Gehöft: "Der alte Hof dort drüben gehörte damals zu uns." Kohl zeigt sich interessiert: "Was hat der denn gekostet? Muß doch ziemlich billig gewesen sein?" Poul Schlüter ist inzwischen irgendwo im Garten abhanden gekommen. Bis er wieder auftaucht, kann der Museumsdirektor den Kanzler noch auf den kleinen Teich zwischen den Rabatten hinweisen: "Als ich das hier übernahm, konnte ich nicht schlafen wegen der Froschkonzerte." Kohl nickt lächelnd.

Bonn und Kopenhagen sind weit an diesem prächtigen Himmelfahrtstag im deutsch-dänischen Grenzgebiet. Oder vielleicht doch nicht? Kohl und Schlüter stehen derzeit beide nicht glänzend da. Dem Kanzler steckt das Wahldebakel in Nordrhein-Westfalen in den Knochen. Gegen Schlüters Lohndiktat in der jüngsten Tarifrunde gingen Hunderttausende auf die Straße; bei seiner Festansprache zum vierzigsten Jahrestag der Befreiung Dänemarks von deutscher Besatzung hinderten ihn Demonstranten mit Gejohle und einem Hagel fauler Eier, Tomaten, Stinkbomben und Feuerwerkskörper am Reden. Die Gedanken der beiden Regierungschefs wollen sich da nur schwer auf die kleinen Sorgen der deutschen und dänischen Minderheiten beiderseits der Grenze konzentrieren. Helmut Kohl jedenfalls ist nicht so recht bei der Sache. Nur mühsam, so scheint es, kann er seine innere Anspannung unterdrücken. Er formuliert fahrig, raunzt seine Umgebung unbeherrscht an, als es einmal mit der Übersetzung nicht gleich klappen will.

Im September hatten sich Kohl und Schlüter zu ihrer "Grenzwanderung" verabredet. Zum 30. Jahrestag der "Bonner Erklärungen" über die Rechte der deutsch-dänischen Minderheiten schlug Schlüter einen gemeinsamen Spaziergang vor.

Tondern, das knapp 8000 Einwohner zählende Geburtsstädtchen Schlüters, nur zehn Kilometer von der Grenze zu Schleswig-Holstein entfernt, hatte sich artig herausgeputzt. Hier drohten keine ungezogenen Demonstranten wie in Kopenhagen und keine aufdringlichen Fernsehreporter wie in-Bitburg den Frieden zu stören.