Von Carl-Christian Kaiser

Wäre es nach der Allparteien-Koalition im Auswärtigen Ausschuß gegangen, so hätte der Bundestag an diesem Donnerstag seinen Blick über den Tellerrand unmittelbarer Aktualitäten gerichtet: auf die Reform des Auswärtigen Dienstes. Aber 48 Stunden vorher ist die Debatte über die Regierungsantworten auf Große Anfragen der Union, der Liberalen und der Sozialdemokraten verschoben worden, denn es geht auch um mehr Geld. Da soll erst noch einmal der mächtige Haushaltsausschuß eingeschaltet werden. Als Bremse? Das muß sich noch zeigen. Findet die Debatte nicht mehr vor der rasch heranrückenden Sommerpause statt, droht die Einmütigkeit der parlamentarischen Außenpolitiker für den Bundesetat des nächsten Jahres folgenlos zu bleiben, obwohl die Probleme drängen und mit dem politischen Gewicht der Bundesrepublik zu tun haben.

Die große weite Welt des Auswärtigen Dienstes ist, wenn es sie je gab, in vieler Hinsicht nur noch ein schöner Schein. Allerhand Abziehbildchen sind ja noch immer verbreitet. Diplomaten sind heute in Rio und morgen in Rom. Man erkennt sie am Homburg und gerolltem Regenschirm. Stets sind sie in geheimer Mission unterwegs. Alle Diplomaten reiten und spielen Tennis. Sie eilen von Galaempfängen zu Gartenpartys, von Cocktails zu intimen Soupers – heute in Rio und morgen in Rom.

Die Realität freilich hat mittlerweile geradezu das Gegenteil entstehen lassen. Aus den Regierungsantworten auf die Großen Anfragen der CDU/CSU, FDP und SPD treten die Konturen eines Diplomaten hervor, der oft überarbeitet ist und von bürokratischen Zwängen eingeengt wird. Auf seinem Schreibtisch finden sich noch Streusandbüchse und Federkiel. In teuren Ländern kann er manchmal seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten. In den Tropen hapert es mit der Gesundheitsfürsorge. Und in seiner Ehe kriselt es, weil seine Frau nicht bereit ist, den eigenen Beruf zu opfern, wenn ihr Mann "auf Posten" geschickt wird. Das alles führt dazu, daß sich immer weniger diplomatischer Nachwuchs findet.

Tatsächlich steuert der Auswärtige Dienst der Bundesrepublik auf eine Krise zu; zum Teil steckt er schon mitten darin. Seine Schwierigkeiten stehen bereits seit dem Anfang der siebziger Jahre auf der Tagesordnung, als eine Kommission unter dem Vorsitz des ehemaligen Protokollchefs, Staatssekretärs und Botschafters Hans von Herwarth ein ganzes Bündel von Reform- und Verbesserungsvorschlägen vorlegte. Einiges davon ist Wirklichkeit geworden, anderes in Angriff genommen, aber die aufwendigen Empfehlungen sind in der Regel steckengeblieben.

Der Unmut, der sich deshalb im Außenministerium angestaut hatte, erreichte schließlich auch den Auswärtigen Ausschuß des Parlaments. Die Großen Anfragen waren die erste Folge, ein ausführliches Hearing vor dem Ausschuß in diesem Frühjahr die zweite. Da zeigte sich mit aller Deutlichkeit, was schon versäumt worden ist; der Auswärtige Dienst, das Unterfutter der Bonner Außenpolitik, droht alsbald fadenscheinig zu werden.

Im wesentlichen geht es, was Wunder, dem Amt um eine Vermehrung des Personals. Zwar hat die relative Sparpolitik der letzten Jahre auf den ersten Blick kaum Spuren hinterlassen; die Zahl der rund 6000 Bediensteten des Auswärtigen Amts, davon ein Drittel in der Bonner Zentrale und zwei Drittel im Ausland, ist so gut wie konstant geblieben. Aber gerade diese Konstanz bedeutet Rückschritt. Denn seit 1972 hat die Bundesrepublik nicht nur zu weiteren 41 Staaten diplomatische Beziehungen aufgenommen, verstärkt haben sich vor allem auch die internationale Zusammenarbeit und Diplomatie, im europäischen wie im globalen Rahmen, von den Abrüstungskonferenzen bis zu den Wirtschaftsgipfeln. Die Ostpolitik stellte neue Aufgaben, der Beitritt zu den Vereinten Nationen weitete das Arbeitsfeld erheblich aus, die wachsende wirtschaftliche Kooperation braucht auch zureichende diplomatische Unterstützung.