Doch der Eintritt der Bundesrepublik in die Weltpolitik blieb ohne entsprechende Konsequenzen. Botschaften wurden nicht verstärkt, sondern im Gegenteil personell ausgedünnt, in einigen Fällen sogar geschlossen; nicht wenige Botschafter sind selbst in Regionen, in denen die Bundesrepublik gewichtige Interessen hat, bei mehreren Staaten gleichzeitig akkreditiert; fast die Hälfte der 199 Auslandsmissionen sind sogenannte Kleinvertretungen, in denen nur zwei Beamte des höheren Dienstes mit einem ganz schmalen Unterbau die Bundesrepublik vertreten.

Der Personalmangel erschwert zugleich die notwendige Rotation zwischen drinnen und draußen. Eine Personalreserve gibt es erst in Ansätzen. Behindert wird der Austausch zudem durch für Inland und Ausland getrennte und verschieden aufgebaute Stellenpläne; manche Stelle draußen läßt sich nicht qualifiziert genug besetzen, weil die Entsendung aus der Zentrale mit einer Besoldungseinbuße einherginge.

Das Außenamt will daher den Personaletat so rasch wie möglich um etwa zehn Prozent aufstocken, um mehr Leute einstellen, Positionen anheben und überhaupt manche Bezüge verbessern zu können. Das würde im Jahr 70 bis 80 Millionen Mark kosten. Einzelheiten, die aber keineswegs nur Einzelfälle sind, machen deutlich, wie grotesk die Lage manchmal schon ist. In den Hochlohnländern kommen die Angehörigen des einfachen und mittleren Dienstes mit ihrem Geld oft nicht mehr aus. Bei dem hohen Dollarkurs bleiben derzeit etwa einem Betriebstechniker an der Botschaft in Washington nach Abzug seiner laufenden Ausgaben wie Miete, Autokosten und Krankenversicherung ganze 72,50 Dollar im Monat für den allgemeinen Lebensunterhalt. Die meisten Zulagen zur Bestreitung von Sonderausgaben sind seit vielen Jahren nicht mehr erhöht worden; die Sprachenzulagen, zwischen 18 und 160 Mark monatlich, haben sich seit 1928 nicht verändert!

Aber es geht nicht nur um direkte Bezüge. Während ihre amerikanischen, englischen, französischen oder japanischen Kollegen Informationen längst mit Computern abrufen, kramen die Bonner Diplomaten noch immer in Karteikästen. Und die quellen über: Der steigende Tourismus selbst in entfernte Länder, die Wiedereinführung von Sichtvermerken gegenüber einer ganzen Reihe von Staaten, Umsiedlung, Asylanten- und Gastarbeiterprobleme haben zu einer beträchtlichen Vermehrung humanitärer und konsularischer Aufgaben geführt. In vielen armen Ländern der Dritten Welt nehmen die Sicherheitsprobleme für die Diplomaten zu, ohne daß ihre Wohnungen hinreichend geschützt wären. Ebenso fehlt es an einer ausreichenden ärztlichen Versorgung, zumindest an Prophylaxe; die fünf Regionalärzte in Afrika und Asien können die zu ihrem Bereich gehörenden Vertretungen nur ein- bis zweimal im Jahr besuchen. Und was schließlich den aus ebenso starren wie umfangreichen Vorschriften herrührenden Papierkrieg angeht – nicht zuletzt eine Folge des auf Einheitlichkeit angelegten, aber von Inlandskriterien bestimmten Dienstrechts so meinen Kenner, daß viele Missionen darauf die Hälfte ihrer Arbeitskapazität verwenden müßten.

Die Litanei der Schwierigkeiten setzt sich noch lange fort – bis hin zu dem einigermaßen neuen, aber wachsenden Problem der Berufstätigkeit von Ehepartnern. Zumal junge Frauen zeigen immer weniger Neigung, die eigene berufliche Erfüllung und zusätzliches Einkommen hintanzustellen, wenn ihr Partner ins Ausland geschickt wird. So verlockend sind einige Jahre in Bolivien oder auf den Philippinen nicht mehr. Und erst recht schwierig wird es, wenn es um die berufliche Wiedereingliederung nach der Rückkehr geht.

Die Ursachen für die ganze Misere reichen weit zurück. Gewiß wird sich Außenminister Hans-Dietrich Genscher, von den Bürden eines Parteivorsitzenden befreit, jetzt auch mehr um Zustand und Zuschnitt seines Hauses kümmern können. Auch schließt die Notlage, die der Katalog der Mängel und Versäumnisse offenbart, nicht aus, auch auf andere Abhilfe als mehr Personal und bessere Ausstattung, also mehr Geld, zu sinnen. Könnte es zum Beispiel bei der Außenvertretung in manchen Regionen der Welt nicht eine europäische Arbeitsteilung geben?

Um eine Notlage, eine drohende Krise des Auswärtigen Dienstes aber handelt es sich in jedem Fall. Seine Verbesserung kann nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Sie ist eine politische, nicht nur eine finanzielle Aufgabe.