Ein Immobilienspekulant nutzt die Lücken im Sparkassensystem

Wenn Jeffrey Levitt mit seinem Rolls-Royce durch Baltimore braust, folgen ihm dieser Tage nicht mehr die bewundernden Blicke der Passanten. "Da fährt er", sagen die Leute düster. Levitt hat "ein schlechtes Image", wie er selbst klagt, obwohl er doch regelmäßig zur Synagoge geht und viel Geld für wohltätige Zwecke ausgibt. Doch das beeindruckt inzwischen all die Leute nicht mehr, die nicht an ihr Geld in den 102 Sparkassen in Maryland herankommen und Jeffrey Levitt dafür die Schuld geben.

Wenn es um die Zuweisung von Schuld geht, dann bleibt allerdings eine Menge bei den Gesetzgebern in Washington und in Maryland hängen. Denn sie haben die staatliche Reglementierung des Bankwesens ja so weit gelockert, daß Leute wie Levitt eine Sparkasse als Dukatenesel für ihre eigenen Zwecke benutzen können. Der 42jährige ist als Immobilienspekulant und Baulöwe zu Geld gekommen, was ihm vor drei Jahren erlaubte, zusammen mit dem Schuhfabrikanten Alan Pearlstein die "Old Court"-Sparkasse in Baltimore aufzukaufen. An der nadelgestreiften Formalität traditioneller Bankiers war Levitt genausowenig interessiert wie an den üblichen Regeln des Bankgewerbes. Er sah in der "Old Court"-Sparkasse nur ein Vehikel, um an möglichst viel Kapital für seine Bauprojekte und Immobilienspekulationen heranzukommen.

Unter seiner Führung wuchsen die Einlagen des Instituts in drei Jahren von 140 Millionen auf 873 Millionen Dollar an. Lockmittel waren Zinsen, wie sie keine andere Bank in den USA bot. Das Geld legte er zum größten Teil in Immobilienprojekten an, in denen er selbst oder irgendwelche Strohmänner die Finger drin hatten. Für die Brillanz dieser Investitionsentscheidungen belohnte sich Levitt mit sogenannten Beratungs-Honoraren in Höhe von 1,96 Millionen Dollar.

Als in der Lokalzeitung Baltimore Sun ein kritischer Artikel über Levitts Bankpraktiken erschien, kam es – kaum zwei Monate nach einer ähnlichen Krise in Ohio – zu einem Run erst auf "Old Court" und dann auch auf andere Sparkassen, deren Kundeneinlagen über eine private Gesellschaft versichert waren. Binnen weniger Tage erlitten die Sparkassen einen Aderlaß von über 600 Millionen Dollar. Anstatt die Schließung der Institute zu verhängen, wie Ohios Gouverneur Celeste, verfügte Marylands Gouverneur Harry Hughes, daß die Kunden bis auf weiteres monatlich nur 1000 Dollar abheben dürfen.

Die Maßnahme des Gouverneurs hat die gewünschte Wirkung gehabt: Die Schlangen vor den Schaltern der Institute sind nun verschwunden. Der Abfluß an Spareinlagen hat sich vermindert. Dadurch haben der Gouverneur, die zuständigen Aufsichtsbehörden und das Parlament Zeit gewonnen für ein Großreinemachen im Sparkassenwesen des Staates und für die nötige Erweiterung des Einlagen-Versicherungsschutzes.

Die Sparkassen haben allerdings erhebliche Schwierigkeiten, die verfügte Beschränkung der Abhebungen einzuhalten, weil ihre Kontoführung auf einen solchen Fall nicht vorbereitet ist. Selbst in hochcomputerisierten Instituten muß im Kopf ausgerechnet werden, ob der jeweilige Kunde sein Limit auch nicht überschritten hat. Die damit verbundene Konfusion verstärkt noch die Frustration der Betroffenen, von denen viele große Schwierigkeiten haben werden, mit nur 1000 Dollar den Monat zu überstehen: Die Reaktion reicht von gleichmütiger Geduld bis zu hellem Zorn und Angst um das Gesparte.