Von Bernd Rudolph

Ob es die Epoche der verpaßten Chancen war, der Restauration gar oder vielleicht des politischen und gesellschaftlichen Neubeginns, das wurde über Jahre hin kontrovers diskutiert. Einen Konsensus der Wissenschaft über die Bewertung der Jahre des "Interregnums" zwischen 1945 und 1948/49 gab es nicht. Der akademisch geführte Disput wurde übrigens auch geführt unter nahezu totaler Ausblendung der Befindlichkeit und des Schicksals der Menschen jener Zeit. Die nicht in allen Lagern akzeptierte Methode, "Geschichte von unten" darzustellen, hat die Hinwendung zur Erforschung des Schicksals einzelner Bürger oder von Gruppen sicher begünstigt.

Alleinstehende Frauen beispielsweise gehören dazu. Sie fanden bislang kaum Beachtung in Darstellungen über die Kriegs- und Nachkriegsjahre. Nun liegt hierzu eine lebensgeschichtliche Dokumentation vor, die den Nachgeborenen die Schrecken des Krieges und das Chaos unmittelbar danach besonders einfühlsam darstellt und damit auch eindringlich vermittelt:

Sibylle Meyer/Eva Schulze: "Wie wir das alles geschafft haben. Alleinstehende Frauen berichten über ihr Leben nach 1945"; Verlag C. H. Beck, München 1984; 238 S., 24,– DM.

Die Dokumentation handelt von Frauen, die infolge des Krieges ihren Partner verloren und ihre Kinder unter besonders schweren Bedingungen großgezogen haben. Und von den zahllosen Frauen, die nach dem Krieg wegen des Männermangels nie einen Mann gefunden haben. Das Berliner Beispiel – und hiervon handelt das Buch – macht deutlich, wie dramatisch sich durch den Krieg und das massenhafte Sterben in den Gefangenenlagern die Relationen zwischen den Geschlechtern verändert hatten. Vor 40 Jahren lebten in der damaligen Reichshauptstadt 63 Prozent Frauen und 37 Prozent Männer. Das Problem wurde noch dadurch verschärft, daß unter den jüngeren Jahrgängen die Zahl der Kriegsopfer besonders hoch war.

Dieses demographische Problem wirkt bis in die Gegenwart fort, obgleich seine Ursachen schon länger als eine Generation zurückliegen. Auch heute noch sind rund zwei Drittel der älteren West-Berliner Frauen. Viele von ihnen teilen ein gemeinsames Schicksalsmerkmal, auf das die Autorinnen in ihrer Einleitung hinweisen: Es sind "Alleinstehende". Der Begriff darf allerdings keine falschen Assoziationen wecken. "Alleinstehend" war für diese Frauen nach dem Krieg ein Statusmerkmal, das nicht gleichbedeutend war mit "alleinsein". Sie hatten zwar keinen Ehemann, lebten aber überwiegend mit Kindern, Müttern, Schwestern, Schwägerinnen oder Großeltern zusammen.

Die Autorinnen beklagen, daß die Aufbauleistung dieser Frauengeneration bislang keine angemessene Würdigung fand. Tatsächlich standen im Blickfeld öffentlicher Aufmerksamkeit in den Nachkriegsjahren andere Schicksalsgruppen, Vertriebene zum Beispiel oder auch Kriegsversehrte und Spätheimkehrer. Allenfalls die Trümmerfrauen wurden in Berlin mit verbaler Anerkennung überhäuft und zur Symbolfigur unbeugsamen Überlebens- und Aufbauwillens hochstilisiert. Mehr aber auch nicht. Das Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre ging an der ganz überwiegenden Zahl der alleinstehenden Frauen nahezu spurlos vorüber oder es stellte sich erst sehr viel später ein als bei den "vollständigen" Familien. Die Ursachen hierfür liegen natürlich auch in der besonderen, den berlin-spezifischen Merkmalen verspäteter Normalisierung zwischen Blockadeende und Mauerbau.