Das Grundgesetz hat dem Kanzler das Handeln, dem Präsidenten das Repräsentieren zugewiesen. Aber die Trennlinie wird undeutlich: Richard von Weizsäcker formuliert zunehmend die Aufgabe der Politik, Helmut Kohl verbrämt sie.

Bonn, im Mai

Temperament, Erfahrung und Eigensinn haben es Richard von Weizsäcker immer nahegelegt, Helmut Kohl in Schutz zu nehmen. Jetzt macht sich der Präsident das, wenn vom Kanzler die Rede ist, erst recht zum Prinzip. Gegen ihn will er sich nicht ausspielen lassen, an Kohl möchte er nicht gemessen werden.

Nun kann Weizsäcker ja Lob für sich und Kritik an Kohl nicht verbieten. Vor Zustimmung und Glückwünschen zu seiner Rede zum 8. Mai 1945, dem 40. Jahrestag des Kriegsendes, kann er sich kaum retten. Die Briefflut reißt gär nicht ab. Überschwenglich gelobt hat kürzlich auch Franz Josef Strauß den Präsidenten in einem Glückwunschschreiben zum 65. Geburtstag. "Sie haben im Verlauf Ihrer bisherigen Amtszeit die ohnehin hohen Erwartungen, die in Sie gesetzt wurden, weit übertroffen"‚ pries Strauß ihn, für die Mehrheit sei die "Idealvorstellung des Staatsoberhauptes" erfüllt. Helmut Kohl müssen die Ohren geklungen haben, als er das hörte.

Oder Jochen Vogel: Kohl ist schier aus der Haut gefahren, weil der Oppositionsführer sich die Freiheit nahm, Weizsäcker für seine "große Rede" zu danken, die "vieles zurechtgerückt hat, was in bedrückender Weise ins Zwielicht geraten war". Das hat Helmut Kohl nicht nur gefuchst, offenkundig hat Vogel mit dem Dank an Weizsäcker eine wunde Stelle getroffen: den Präsidenten gegen ihn auszuspielen, das gab’s noch nie, unerträglich, dieser Vogel!

wer Helmut Kohls Klage von heute über Vogel lauscht, erinnert sich unwillkürlich daran, wie hinge der Kanzler gezögert hatte, der Kandidatur Richard von Weizsäckers zuzustimmen. Jochen Vogel jedenfalls hatte – aus Überzeugung und großem Respekt – das Ja der SPD für Weizsäcker schon lange vorher in Aussicht gestellt. Am 23. Mai 1984 wurde er mit sehr breiter Mehrheit gewählt.

Auch diese Rückblende gehört ins Bild: die dürren Worte, mit denen Kohl der Rückkehr des Regierenden Bürgermeisters von Weizsäcker aus Berlin nach Bonn endlich zustimmte. Kein Überschwang, knappes Lob, das Allernotwendigste. Später hat Helmut Kohl oft der Legende widersprochen, er habe Weizsäcker aus Sorge um seine eigene Autorität nicht in Bonn sehen wollen. Aber auch Weizsäcker stellte richtig: Er habe Kohl daran erinnern müssen, hieß es damals zürnend, daß der ihn im Jahre 1974 schon einmal zur Kandidatur gezwungen hatte.