Die Lutine-Schiffsglocke über dem Podium des riesigen, imposanten und geschäftigen Underwnting Room von Lloyd’s in der Londoner City wird heute nur noch bei zeremoniellen Anlässen angeschlagen, wenn zum Beispiel die Königin-Mutter, Ehrenmitglied dieser Vereinigung von Versicherern, einen Besuch abstattet. Gelten noch die alten Usancen – ein Schlag für schlechte, zwei Schläge für gute Nachrichten –, dann hätte man jetzt die aus der "Lutine" geborgene Glocke einmal läuten können. Nicht weil ein Schiff untergegangen ist, ein Erdbeben eine Stadt verwüstet hat oder ein Satellit im Weltraum abhanden gekommen ist. Der traurige Schlag hätte daran erinnert, daß mehr als 1500 Underwriters in von der Maklerfirma Minet Holdings geführten Syndikaten durch finanzielle Unregelmäßigkeiten und Übernahme schlechter Risiken Verluste von wenigstens 130 Millionen Pfund entgegensehen, deren Abdeckung einige von ihnen in den Bankrott treiben könnte.

Für Lloyd’s ist dies ein höchst ungewöhnlicher, wenn nicht einmaliger Vorgang. Normalerweise streichen die 24 000 Underwriters hübsche Gewinne ein. Das eherne Prinzip der unbeschränkten persönlichen Haftung, das charakteristisch für diesen einzigartigen 300 Jahre alten "Versicherungsmarkt" ist, kommt in der Praxis so gut wie nicht zum Tragen. Diesmal könnte es jedoch bedeuten, was es besagt: Auflösung von Bankguthaben, Verkauf von Aktien, Veräußerung des Hauses.

Die zur Minet-Gruppe gehörende Richard Beckett Underwriting Agency hat die Mitglieder der von ihr geführten Syndikate schon auf Schlimmes vorbereitet. Mit jeder Verlautbarung stiegen die geschätzten Verluste. 130 Millionen Pfund für den Zeitraum von 1979 bis 1984 ist die einstweilen letzte Ziffer, und es wird befürchtet, daß dies noch nicht das letzte Wort sein wird. Im Durchschnitt können die Verluste pro Person leicht auf 100 000 Pfund kommen, auch die Summe von einer halben Million wurde bereits genannt.

Es ist eine illustre Gesellschaft, die sich bei Lloyd’s ein Stelldichein gibt, um mit ihrer Kapitaleinlage Geld zu machen. Es sind Vertreter des alten Establishments und des neuen Geldes, Adel und Filmgrößen, reiche Landbesitzer und Sport-Heroen. Wer bei Lloyd’s mitmachen will, muß ein Vermögen von mindestens 100 000 Pfund nachweisen. Aber normalerweise wird nur ein Teil eingezahlt und dient als Basis für den Verkauf von Policen. Nur etwa 5000 Underwriters sind bei Lloyd’s geschäftlich aktiv. Fast 19 000 sind lediglich Mitglieder, sogenannte "Namen". Sie werden in Syndikate gruppiert, deren Geschäfte von Agenturen geführt werden.

Zu diesen stillen Gesellschaftern in den Beckett-Syndikaten der Minet-Gruppe gehören die Herzogin von Kent und die Herzogin von Marlborough, der saudiarabische Waffenhändler Kashoggi und Peter Miller, der Vorsitzende des Rates von Lloyd’s. Diesen Personen mag das Nachschießen nicht schwerfallen, um die Verluste abzudecken. Aber unter den "Namen" befinden sich auch weniger begüterte Teilnehmer an dem Versicherungsspiel. Sie wurden von Graham White, dem Manager von Beckett, in einer Massenversammlung mit dem möglichen Ausmaß der Katastrophe vertraut gemacht. Anschließend meinte White, es sei klar, daß eine ganze Reihe von Mitgliedern ihren Anteil an den Verlusten nicht aufbringen könnte.

Können die Mitglieder ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, dann springt der Zentrale Fonds von Lloyd’s ein, der auf 167 Millionen Pfund beziffert wird. Einschließlich anderer Vermögenseinlagen stünden mehr als 300 Millionen Pfund zur Verfügung, beruhigte der selbst geschädigte Ratsherr Miller. Aber er ließ keinen Zweifel daran, das Prinzip der unbeschränkten persönlichen Haftung, der Eckpfeiler von Lloyd’s, müsse durchgesetzt werden. Den letzten Groschen werde man dem reingefallenen Mitglied jedoch nicht abnehmen.

Die "Namen" sind aufgebracht. Sie haben einen Interessenverein ins Leben gerufen, einen Wirtschaftsprüfer engagiert und untersuchen, gegen wen gegebenenfalls gerichtliche Schritte unternommen werden können.