Von Rudolf Herlt

Wer ihn nicht bloß anschaut, sondern länger mit ihm redet, kann das verbreitete Urteil, er sei kühl und arrogant, nicht bestätigen. Ein Mann zum Anschauen ist Alfred Herrhausen, der am 14. Mai im Vorstand der Deutschen Bank Wilfried Guth als einen der beiden Vorstandssprecher ablöste, allemal – er ist eine elegante Erscheinung. Vielleicht werden seine selbstbewußte Gelassenheit, sein unaufgeregter Ernst, gelegentlich als Arroganz mißverstanden. Doch weder hat er Dünkel – die haben nur dumme Menschen – noch ist er anmaßend, dazu ist er zu selbstkritisch.

Er selbst erklärt sich das Fehlurteil aus seiner wenig ausgeprägten Liebe zum Rampenlicht, aus seiner Neigung, "unbehelligt" zu leben. Ins Licht der Öffentlichkeit hat er sich nur durch Sachfragen locken lassen, die sein Interesse weckten. Er war Mitglied der Geßler-Kommission, die sich über die Struktur des Kreditgewerbes Gedanken machte. Er war auch einer der "Drei Weisen", die 1982 im Auftrag der Bundesregierung Vorschläge für die Neuordnung der deutschen Stahlindustrie erarbeitet haben. Im übrigen schätzt er die Anonymität.

Keine gute Voraussetzung für einen Vorstandssprecher, möchte man meinen. Doch da darf man getrost auf das sichere Urteil des Gesamtvorstands vertrauen. Seine elf Kollegen haben ihn schon sehr bald als "Kronprinz" akzeptiert, nachdem er im Oktober 1969 zunächst als Gast, von Anfang 1970 an als Vorstandsmitglied in ihren Reihen aufkreuzte. Er hat, wie Guth, den Blick für die Weltwirtschaft und ihre Zusammenhänge, ohne das Geschehen in den Unternehmen als unwichtig zu ignorieren. Artikulieren kann er sich wie wenige, in Englisch ebenso elegant wie in Deutsch. Die gelegentlich auftauchenden Gerüchte, er wolle die Bank wieder verlassen, sind immer rasch verstummt.

Nun schultert er die Aufgaben des Sprechers freudig und beherzt. Er weiß, daß es sich nun nicht mehr vermeiden läßt, "behelligt" zu werden. Mit dem Optimismus eines Mannes, der von der Effizienz seiner Arbeitsmethoden überzeugt ist ("Der Fleißige hat immer Zeit"), möchte er sich, soweit wie nur irgend möglich, einen Bereich der Anonymität bewahren, der ihm erlaubt, "ich selbst zu sein, und zwar still, nicht laut". Das gehört vielleicht schon zur Kunst der Selbstdarstellung, die er gut beherrscht.

Den Nährboden für den Wunsch nach Stille ortet er in seinem Engagement für die Philosophie. Geweckt wurde es durch einen Dominikaner-Pater, der ihn in frühen Jahren in Religion unterwiesen hatte. Bis in die jüngste Zeit hat er diese Liebe weitergepflegt. Er nennt sich selbst einen Popperianer. Zu Poppers Methode des "kritischen Rationalismus" gehört im Bereich der Theorie das logische Prinzip der Falsifikation, der permanenten Fehlerkorrektur. Herrhausen unterwirft auch das Leben selbst diesem Prinzip. So habe er sich angewöhnt, Probleme ruhig, logisch und konsequent zu Ende zu denken, sie auf Grundstrukturen zurückzuführen. Das erfordert geistige Disziplin, spart aber Zeit, sagt er, die er dann für andere Dinge zur Verfügung hat, fürs Radfahren, Skilaufen, Surfen, für Konzerte, Opern, für die Frau und die siebenjährige Tochter.

Die ersten fünfzehn Lebensjahre waren für Herrhausen turbulent genug. 1930 in Essen geboren, ging er während des Krieges in Bayern zur Schule, in Feldafing auf die nationalpolitische Erziehungsanstalt. Nach dem Kriege landete er in Wörgl in Tirol, wo der Fünfzehnjährige eines Taes seinen Ranzen schnürte und zu Fuß zu den Eltern nach Essen wanderte. Als er sein Abitur machte, war die Begeisterung für die Philosophie schon geweckt. Was lag näher, als dieses Fach zu studieren? Doch zu jener Zeit hatten nur Kriegsheimkehrer und Verwundete Chancen, in der Philosophischen Fakultät zugelassen zu werden.