Erster Schritt ins Risiko – Seite 1

ZEIT: Frau Breuel, Niedersachsen hat im Bundesrat einen "Gesetzesentwurf zur Förderung von Arbeitnehmerbeteiligungen am Produktivvermögen" vorgelegt, mit dem die Vermögensbildung weiterentwickelt werden soll. Wird der Bundesrat Ihren Gesetzesentwurf in dieser Woche akzeptieren?

Breuel: Es hat in den Ausschüssen eine klare Mehrheit für unseren Gesetzentwurf gegeben. Ich rechne damit, daß unsere Vorschläge jetzt akzeptiert werden.

ZEIT: Wann wird der Arbeitnehmer damit rechnen können, daß die neuen Regelungen in Kraft treten? Noch fehlt die Zustimmung von Bundesregierung und Bundestag.

Breuel: An sich hat die Bundesregierung ganz klar zugesagt, die zweite Stufe der Vermögensbildung in dieser Legislaturperiode zu verabschieden. Sie ist also politisch im Wort. Deshalb gehe ich davon aus, daß das Bonner Kabinett das Thema zügig behandelt. Ob die neuen Regelungen schon Anfang 1986 oder erst Mitte des Jahres in Kraft treten, läßt sich jetzt noch nicht sagen.

ZEIT: Was sind für Sie die wichtigsten Änderungen gegenüber der bisherigen geltenden Sparförderung und Vermögensbildung?

Breuel: Unser entscheidendes Anliegen war, das Sparen in Produktivkapital in den Vordergrund zu stellen. Bisher ging es vor allem um Geldkapital und Wohneigentum. Das soll jetzt in den Hintergrund treten. Das Sparen von Geldkapital ist vom Staat ursprünglich in den Vordergrund gestellt worden, um Hemmschwellen abzubauen. Dieses Ziel ist erreicht. Das ist die klassische Situation, um eine früher sinnvolle Subvention zu senken oder ganz abzuschaffen. Beim Wohneigentum soll weiter gefördert werden, aber mit dem auf 15 Prozent gesenkten Fördersatz, im erhöhten Rahmen von 936 Mark.

ZEIT: Wie stehen denn die Chancen, die bisherige Sparförderung ganz abzuschaffen?

Erster Schritt ins Risiko – Seite 2

Breuel: Beim Geldsparen ist ein Kompromiß gefunden worden. Kontensparen wird nur dann noch gefördert, wenn die Zinserträge in Produktivkapital angelegt werden.

ZEIT: Also ein sanfter Weg ins Risiko. Die ursprünglichen Sparbeträge bleiben auf dem sicheren Konto; nur die Zinsen werden in riskantere Anlageformen gesteckt – in Aktien zum Beispiel.

Breuel: Das ist in der Tat für den kleinen Sparer ein erster Schritt zum Erwerb von Produktivkapital. Auch für das Versicherungssparen ist ein entsprechender Weg vorgesehen, wenn die Gewinnanteile zum Erwerb von Produktivkapital verwendet werden.

ZEIT: Beim Produktivkapital liegt Ihnen die Beteiligung an Unternehmen besonders am Herzen, die bisher keinen Zugang zum Kapitalmarkt hatten?

Breuel: Ja. Das ist der zweite wichtige Punkt beim Ausbau der Vermögensbildung, die Erweiterung des Anlagekatalogs. Durch außerbetriebliche Formen der Beteiligung soll insbesondere durch die in der Praxis bewährten Investmentfonds der Kreis von Unternehmen, denen so neues Eigenkapital zufließt, beträchtlich erweitert werden. Gerade kleinere Firmen, die keine Aktien ausgeben können, sollen eine Chance erhalten.

ZEIT: Was steht bei Ihnen dabei im Vordergrund – Förderung der Vermögensbildung bei Arbeitnehmern oder Förderung der Eigenkapitalbildung bei kleineren Unternehmen?

Breuel: Das sind zwei Seiten einer Medaille, und beides ist notwendig. Nachdem das Thema zwölf Jahre tot war, hat die CDU die Frage der Vermögensbildung wieder zu neuem Leben erweckt. Der Arbeitnehmer muß wissen, daß er echte Vermögensbildung betreiben kann, die Unternehmen sollen die Möglichkeit erhalten, ihre nach wie vor katastrophal schlechte Ausstattung mit Eigenkapital zu verbessern. mj