Alle berufstätigen Einwohner Hollands unterhalten mit einem Viertel ihres Einkommens die Generation im Ruhestand. Die Altersgruppe "65plus" erhält eine einheitliche Rente: rund 1500 Mark pro Ehepaar, rund tausend Mark für alleinstehende Senioren. Weil Mann und Frau vor dem Gesetz gleichberechtigt sind, zahlt die Sozialversicherungsbank den Ehepartnern die Familienrente separat aus; beide bekommen monatlich rund 750 Mark.

Das System beruht nicht auf dem Grundsatz der Eigenleistung, sondern auf dem sogenannten "Umlageprinzip": Alle steuerpflichtigen Bürger zahlen bis zum 65. Lebensjahr einen einheitlichen Prozentsatz ihres Einkommens bis zu einem oberen Bemessungsbetrag von 50 000 Gulden. Ob es sich dabei konkret um 500 oder 1200 Mark im Monat handelt, spielt keine Rolle. Am Ende bekommen alle das gleiche Monatsgeld aus der Kasse der Sozialversicherungsanstalt in Amsterdam. Dabei müssen die Ausgaben der ADW, der Altersrentenversicherung, durch die laufenden Einnahmen gedeckt sein.

Erst in jüngster Zeit – und auch nur vereinzelt – überlegt man sich in Holland, ob die Altersrente auch in den kommenden Jahrzehnten noch nach dem Umlageverfahren auf dem gewohnten Stand zu halten ist. Es wird bald mehr Senioren als Teenager geben, und die Gruppe der Berufstätigen muß beide finanziell durchschleppen. Dabei verringert sich die verfügbare Arbeit, läuft der Trend in Richtung Rationierung der Verdienstmöglichkeiten und langfristige Senkung des individuellen Einkommens.

Die zahlende Generation muß daher mit dem Risiko leben, daß die Altersrente gekürzt werden muß, ehe sie sich selber zur Ruhe setzen kann. Deshalb ist jetzt die Rede von Kapitaldeckung der eingezahlten Beträge, doch bislang haben die Politiker in Den Haag dafür noch keine Methode entwickelt. Die erforderlichen Mittel wären nur durch Senkung der Renten oder eine Erhöhung der Zwangsbeiträge zu beschaffen. Doch das wagt bislang keine Partei dem Volk ehrlich vorzurechnen.

Mittlerweile funktioniert das System seit 28 Jahren; es kostet über zwanzig Milliarden Gulden im Jahr und verschlingt damit ungefähr zehnmal soviel wie zu Beginn. Im Lauf der Zeit wurde die Altersrente allerdings dem gesetzlichen Mindesteinkommen auf dem Arbeitsmarkt gleichgesetzt. Infolgedessen sind die Senioren heute in Holland besser gestellt als die Juniorengeneration mit ihren schlechten Berufs- und Verdienstaussichten und ihren erheblich geringeren Sozialbezügen.

Die Kategorie "65plus" wird infolgedessen auch wirtschaftlich immer interessanter als die halbwüchsige Verbrauchergruppe. Es dauert nicht mehr lange und die bislang munter konsumierende Jugend der letzten zwanzig Jahre hat in der holländischen Gesellschaft nicht mehr viel zu melden. Obendrein rücken nun Menschen ins Seniorenalter, die man nicht mehr herablassend als "Opa" und "Oma" behandeln kann, denn dafür sind sie zu fit, zu vernünftig und zu unabhängig.

Das wachsende Selbstbewußtsein der Senioren ist eine bemerkenswerte Nebenwirkung des Altersversorgungswerks. Auch die finanzielle Gleichstellung von Mann und Frau in der oberen Altersgruppe und die dort realisierte Einkommensharmonie gehören zu den wertvollsten Errungenschaften der holländischen Gesellschaft. Deshalb neigen die Volksparteien in diesem Land dazu, die Gesellschaft an das soziale Seniorenmodell heranzuführen und den in Zukunft noch verfügbaren Wohlstand möglichst gerecht über die Individuen aller Altersschichten zu verteilen. Senior und Seniorin sind in Holland schon die heimlichen Leitfiguren der nachindustriellen Gesellschaft, nur haben die meisten Leute darüber noch nicht nachgedacht. Günter C. Vieten