Von Dirk Kurbjuweit

Werner Gerich, genannt Ge Lixi, ist in der chinesischen Provinzhauptstadt Wuhan ein hochgeschätzter Mann. Der Diplomingenieur kam nach seiner Pensionierung im November 1984 als "Senior-Experte" hierher, um die Leitung einer Motorenfabrik mit zweitausend Mitarbeitern zu übernehmen. Gerich verordnete den Chinesen deutsche Tugenden, Disziplin und Sauberkeit, und führte leistungsbezogene Löhne ein. Detailverbesserungen senkten den Dieselverbrauch des Motors um die Hälfte, die Lebensdauer stieg um ein Vielfaches. Die Stadtführung der Drei-Millionen-Metropole Wuhan war so beeindruckt, daß sie Ge Lixi zum Ehrenbürger machte.

Zum Festakt im Rathaus begrüßte Oberbürgermeister Wu Guan zheng auch eine Delegation aus der Partnerstadt Duisburg mit seinem Amtskollegen Josef Krings an der Spitze. Die Gäste applaudierten herzlich, als die kunstvolle Urkunde überreicht wurde, denn sie wußten das Zeichen zu deuten. Die Ehrenbürgerschaft für Gerich ist auch ein Lob für die Partnerschaft Wuhan-Duisburg, denn der Senior-Experte kam auf Initiative der Revierstadt nach Wuhan. Seine Tätigkeit ist Teil einer Wirtschaftsbeziehung, wie sie bislang zwischen einer deutschen und einer chinesischen Stadt einmalig ist.

Erste Kontakte zur Industriestadt am Jangtse in Zentralchina knüpften Techniker der Duisburger Firma Mannesmann Demag, die Ende der siebziger Jahre ein Stahlwerk in Wuhan baute. 1982 wurde die Partnerschaft besiegelt, die nicht wie sonst üblich in erster Linie dem Kulturaustausch und Kommunalpolitiker-Tourismus dienen soll. Beide Städte verfolgen handfeste Interessen, die sich trefflich ergänzen. Wuhan braucht moderne Technik und viel Know-how für ehrgeizige Pläne; Duisburgs kränkelnde aber leistungsfähige Wirtschaft mit großen Namen wie Klöckner, Krupp, Thyssen oder Mannesmann Demag hofft auf große Aufträge.

Die Chinesen sind auf dem Sprung nach vorn, wie eine Duisburger Delegation beim letzten Besuch Ende April feststellen konnte. Der Jangtse soll ausgebaggert und begradigt werden, zwei neue Brücken sollen den Fluß überspannen. Flughafen und Hauptbahnhof werden neu gebaut, eine Satellitenstadt entsteht dreißig Kilometer außerhalb des Zentrums. Die gesamte Kanalisation muß erneuert, ein Gaswerk samt Netz gebaut werden. Wuhan hat für diese Mammut-Investitionen einige Milliarden Yuan veranschlagt. Die Gastgeber drückten den Duisburgern zudem eine Liste mit zweihundert konkreten Projekten für die nahe Zukunft in die Hand; auf 50 Seiten geht es vor allem um die Modernisierung von Betrieben, wie zum Beispiel unter Punkt 70 den Neubau der "Xiang Fan Coleur Fluorescent Powder Factory".

Wuhan soll neben einigen anderen Wirtschaftszentren den Vorreiter auf Chinas Weg in einen modernen Industriestaat machen, erfuhren Krings und seine Begleiter bei einem Empfang in Peking. Staatsrat Zhang Jingfu, stellvertretender Ministerpräsident und Vorsitzender der staatlichen Wirtschaftskommission, bekräftigte gegenüber seinen Gästen die Politik der Öffnung und des Fortschritts, weshalb Peking auch den Schulterschluß von Wuhan und Duisburg mit viel Wohlwollen betrachte.

Die Handlungsreisenden aus der Revierstadt reagierten schnell, um die chinesischen Expansionspläne für die eigene Industrie nutzen zu können. Noch auf der Rückreise, bei einem Zwischenstopp in Hongkong, stellte Oberstadtdirektor Herbert Krämer den mitreisenden Wirtschaftsvertretern ein Neun-Punkte-Programm vor, mit dem der Kontakt zu Wuhan intensiviert werden soll. "Wir werden alles tun", so Krämer, "damit die Chinesen immer zuerst an Duisburg denken, wenn Aufträge an das Ausland zu vergeben sind."