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Büsum/Nordsee

Am 26. März um 9 Uhr 33 hatte Rüdiger Kock draußen vor dem Büsumer Badestrand im Dithmarscher Watt eine Erscheinung der übergeordneten Art: Gerade war er dabei, einer Gruppe von Wattwanderern die Schönheit dieser einzigartigen Naturlandschaft zu erläutern, da vernahm er ein surrendes Geräusch in der Luft. Kurz darauf sehen die Wattläufer in etwa 200 Meter Entfernung den feuchten Sand aufspritzen: Ein unbekanntes Flugobjekt war niedergegangen.

"Nach dem Einschlag des Flugkörpers verharrte die Gruppe einige Sekunden schockiert und verstört im Watt", schrieb Rüdiger Kock in einer später angefertigten Niederschrift. Ohne Erfolg machte sich die Gruppe auf die Suche nach dem Gegenstand – er blieb im schlickigen Watt verschwunden.

Ein kurz darauf nahe der Einschlagstelle kreisender Hubschrauber der Bundeswehr zerstreute sogleich Spekulationen über mögliche außerirdische Erscheinungen und stärkte Wattführer Kock in seinem Verdacht, hier könne es sich nur um ein Geschoß handeln, das von der Erprobungsstelle 71 der Bundeswehr bei Elpersbüttel in der Meldorfer Bucht abgefeuert worden sei.

Seit 1969 verfügt die Bundeswehr hier über ein Testgelände für militärische Versuche sowie über ein 44 Kilometer langes und acht Kilometer breites Sperrgebiet im Nordseewatt für Schießübungen.

Doch die Gruppe der Wattwanderer befand sich mehrere Kilometer weit außerhalb der Sperrzone, als das Geschoß in der Nähe niederging.

Rüdiger Kock, der sich als Mitarbeiter der "Schutzstation Wattenmeer" dem Umwelt- und Naturschutz besonders verpflichtet fühlt, schien dies ein etwas übertriebener Beitrag der Bundeswehr zum Schutz des Wattenmeeres vor allzu intensiver touristischer Nutzung zu sein – und zudem ein lebensbedrohender: Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei dem Flugkörper um eine 15,5 Zentimeter dicke, etwa einen halben Meter lange und knapp einen Zentner schwere Granate ohne Sprengstoff, die von der Erprobungsstelle 71 aus abgefeuert worden war.

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Unmittelbar nach der Rückkehr von der Wattwanderung informierte Rüdiger Kock Büsums Bürgermeister Horst Neumann über den Vorfall. Ein erster Anruf bei der Waffen-Erprobungsstelle brachte keine Aufhellung, im Gegenteil, es wurde vernebelt: Das von der Gruppe wahrgenommene surrende Geräusch könnte vom Ostwind verursacht worden sein, wiegelte man dort treuherzig ab. Rüdiger Kock: "Die Bundeswehr leugnete hiermit den Vorfall."

Er gab sich mit der Antwort nicht zufrieden und verfaßte ein Erlebnisprotokoll, das von 24 Exkursionsteilnehmern unterschrieben wurde. Bürgermeister Neumann schickte das Protokoll mit den Unterschriften zur Erprobungsstelle mit der Bitte um Aufklärung.

Zugleich vereinbarten die Schutzstation Wattenmeer und die Gemeinde Büsum, den Vorfall zunächst nicht an die Öffentlichkeit zu bringen, um, wie Rüdiger Kock meinte, "die Bundeswehr nicht von vornherein in eine Argumentationsnot zu bringen, die zu einer eventuellen Leugnung des Vorfalls geführt hätte".

Knapp einen Monat später, Ende April, erhielt Bürgermeister Neumann Post aus Koblenz, vom zuständigen Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung. Ein militärisch knapp gehaltener Brief bestätigte: "Die Beobachtungen der Exkursionsteilnehmer entsprechen den Tatsachen. Der Fehlschuß ist auf einen unbeabsichtigten Weitschuß aufgrund eines Schießfehlers zurückzuführen. Die Verursacher werden zur Verantwortung gezogen."

Tags zuvor hatte bereits der CDU-Bundestagsabgeordnete Dietrich Austermann den Vorfall gegenüber Journalisten erwähnt und damit einen regelrechten Sturm in der Öffentlichkeit entfacht. Die Waffen-Erprobungsstelle geriet wieder einmal in das Kreuzfeuer der Kritik.

Dabei sind die Schießversuche in der Meldorfer Bucht schon immer umstritten gewesen. Bürgermeister Neumann: "Die Gemeinde Büsum hat sich von Anfang an dagegen gesträubt. Daß nun so etwas passiert, haben wir aber nicht für möglich gehalten."

Der Bürgermeister fürchtet vor allem negative Auswirkungen auf den Fremdenverkehr in seinem Nordseeheilbad, sprechen doch die Husumer Nachrichten bereits von "Abenteuerurlaub zwischen Wattenwurm und Waffentest".

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Auch die Tier- und Umweltschützer protestieren unentwegt gegen die Störungen im Naturschutzgebiet, und die Krabbenfiscner sind ebenfalls sauer: etwa ein Drittel des Jahres ist das wichtige Fanggebiet in der Sperrzone für sie tabu. "Jedes Jahr habe ich 20 000 Mark Verlust durch diesen Mist", schimpft Fischer Heinz Hamann.

Für zusätzlichen Sprengstoff sorgt die Hubinsel "Barbara", die zeitweise vor der Meldorfer Bucht im Meer liegt und von der aus über die Vogelinsel Trischen hinweg versuchsweise Schüsse in Richtung Festland abgefeuert werden.

Der jüngste Vorfall stärkt zudem Spekulationen im Landkreis Dithmarschen, die Bundeswehr und die auf der Erprobungsstelle arbeitenden privaten Rüstungsfirmen nähmen es häufig nicht so genau mit der Sperrzone und richteten ihre Geschütze auch gerne mal in andere Richtungen. Der einzige Bewohner auf Trischen, der Voeelwart Peter Todt, weiß allein von sieben unerlaubten Weitschüssen zu berichten, die er Mitte März habe beobachten können.

Das Bundesverteidigungsministerium weist diese Vermutungen und Vorwürfe nachdrücklich zurück. Anfang Mai eilte Staatssekretär Peter Kurt Würzbach selbst an die Westküste, um vor Ort die erregten Gemüter wieder zu besänftigen. Auf einer eigens zu diesem Thema einberufenen Pressekonferenz in Meldorf versicherte Würzbach den anwesenden Journalisten und interessierten Bürgern: "Wir haben überhaupt nichts zu verbergen", und er schlägt mit beiden Händen sein Jackett zur Seite, um sinnbildlich die weiße Weste des Ministeriums zu zeigen – ein hellblaues Hemd.

Vor dem Staatssekretär liegt eine große Karte des Wattengebietes, auf der er mit zwei schwarz umrandeten rosa Pfeilen demonstriert, wie die abgefeuerten Testgeschosse fliegen sollten, und es "nach menschlichem Ermessen" auch immer tun.

Was da am 26. März in der Meldorfer Bucht geschah: "Das war der dümmste Fehler, der überhaupt passieren konnte." Irrtümlicherweise hätten die Waffentester bei einem der Versuche eine viel zu starke Treibladung verwendet – das Geschoß flog daher nicht nur vier, sondern zwölf Kilometer weit, über das Sperrgebiet hinaus, den Büsumer Hauptbadestrand hinweg und vor die Füße der Wattwanderer.

Ein außerordentlich bedauerlicher Vorfall, meint Peter Kurt Würzbach, aber, menschliches Versagen könne eben nie ausgeschlossen werden: "Sonst hätten wir keinen Verkehrsunfall auf der Straße, da ist ja auch alles geregelt." Also: Gurtpflicht auf der Straße, Stahlhelmpflicht für’s Watt?

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Nein, natürlich nicht, so etwas wie Ende März wird nämlich nicht wieder vorkommen, denn nunmehr wacht bei künftigen Versuchen eine zweite fachkundige Aufsichtsperson über die privat-wirtschaflichen Waffentester. "Damit machen wir Fehler noch viel, viel unwahrscheinlicher", sagt Staatssekretär Würzbach.

Im übrigen möchte der hohe Vertreter des Verteidigungsministeriums die Gelegenheit nutzen und sich bei der Bevölkerung für das Verständnis bedanken, das der Arbeit auf der Erprobungsstelle entgegengebracht werde. "Stimmt doch alles gar nicht", ruft da der wortgewaltige Fischer Heinz Hamann dazwischen und meint empört: "Wer sagt, in Zukunft passiert da nichts mehr, ist ein großer Vollidiot und sonst gar nichts. Menschenverdummung ist das hier."

Da fühlt sich Peter Kurt Würzbach nicht angesprochen, aber bei der Frage, wie denn die Schießübungen mit dem von der schleswig-holsteinischen Landesregierung angestrebten Nationalpark Wattenmeer zu vereinbaren seien, muß er einräumen: "Das ist ein Problempunkt in diesem großartigen Umweltvorhaben. Wie überall im Leben, muß hier ein Kompromiß gefunden werden."

Und wie dieser auszusehen hat – daran läßt der Staatssekretär gar keine Zweifel aufkommen: "Klar ist, daß wir die Erprobungsstelle nicht dichtmachen." Hans-Ulrich Stoldt