Das ist jetzt nicht die Stunde, ihn zu verspotten. Das wäre nicht fair. Jetzt sollten wir alle ganz lieb zu ihm sein. Er braucht das, braucht unsere Nähe, Wärme nach all dem, was ihm widerfahren ist. Wir sollten uns sowohl vor wie hinter ihn stellen, sollten uns um ihn. scharen, jetzt, wo sie mit vergifteten Pfeilen auf ihn anlegen. So was gleitet selbst an ihm nicht spurlos ab. Dickhäuter können ganz schön dünnhäutig sein.

Wann hat das alles angefangen? Mit der Zusage zum Schlesiertreffen? Wer hat ihm das bloß eingebrockt? Zurück kann er nun nicht mehr. Das Gekläff im Schlesier, hat er das verdient? Erst das Gezeter über den Verlust der Ostgebiete – und nun noch die Unions-Verluste in den Westgebieten. Und Stroessner steht ihm auch noch ins Haus! Ja nicht vergessen: Das "Photo-Sofa" muß raus! Schickt es sich, einen Staatsgast nach Dr. Mengele zu fragen?

Wenn er bloß das Wort "Wende" nicht mehr hören müßte! Ob sie das war, die Wende rückwärts, neulich in Düsseldorf?, sinniert er beklommen. Sie haben ihn nicht verstanden, die Wähler, wollten sie ihn überhaupt verstehen? Ob die Partei, seine Union – ob sie ihn irgendwann wie eine heiße Kartoffel fallen läßt – wie weiland Gerstenmaier, Erhard, Barzel? Albrecht grüßt ihn nur noch gemessen; denkt er an Zeyer, an Worms? Warum geht auf einmal alles schief? Dieser Staatsbesuch aus Washington, wie geschickt schien das eingefädelt, wieviel hatte er sich davon versprochen! Und jetzt sind sie auch noch alle böse auf ihn. Die Bauern – trotz seines Brüsseler Vetos. Die EG-Partner wegen des Vetos. Keiner ist mit ihm zufrieden, nicht einmal die Wirtschaft, die ihm soviel zu verdanken hat. Er kann es doch nicht allen recht machen. Schon fallen Strauß und Konsorten über ihn her. Die FDP muckt auf. Wo bleibt Freund Genscher? Hält sich bedeckt.

Was ihn am meisten wurmt: daß er mit Freund Mitterrand und Freund Reagan zwischen allen Stühlen sitzt. Dabei wollte er beim EG-Gipfel doch nur den um Harmonie bemühten Gastgeber spielen. Ob er das bis Mailand wieder hinbiegt? Er braucht jetzt viel Kraft. Er braucht uns! Ohne Wenn und Aber, hier und jetzt Hilfreich müssen wir dem Freund unter die Arme greifen, ihn stützen. Keine leichte Aufgabe, gewiß. Aber was sind schon zwei Jahre? Die sitzen wir ganz gelassen aus, spielend. Wäre doch gelacht.