Die Vorwürfe häufen sich, daß durch Überstunden Arbeitsplätze vernichtet werden. Selbst das Bundeskabinett forderte in jüngster Zeit die Arbeitgeber auf, statt Überstunden zu verlangen, mehr Arbeitnehmer einzustellen. DGB-Chef Ernst Breit und Arbeitgeberpräsident Esser haben sogar gemeinsam zur Reduzierung der Überstunden aufgerufen. Es erklingt der Vorwurf, daß Überstunden asozial sind. Ist das ökonomisch berechtigt oder viel zu pauschal?

Überstunden ermöglichen der Wirtschaft eine größere Flexibilität, die sie bei unregelmäßig anfallender Arbeit benötigt. Eine völlig starre Arbeitszeit kann erhebliche wirtschaftliche Nachteile haben. Um zum Beispiel ein Projekt fristgerecht fertigzubekommen, können Überstunden unvermeidlich sein. Außerdem sind Überstunden oft auch im Sinne des Arbeitnehmers. Eine über Jahre hinaus geforderte Mehrleistung von den Arbeitnehmern muß allerdings abgelehnt werden. Mit tarifpolitischen Maßnahmen wie beispielsweise steigenden Zuschlägen bei erhöhter Mehrarbeit, die selbst wieder gestaffelt nach der Dauer sein sollten, und durch progressive Steuersätze ließen sich Überstunden aber in einem wirtschaftpolitisch verträglichen Maß halten.

Es ist dem Unternehmer auch nicht zuzumuten, für Stoßzeiten zusätzliche Arbeitnehmer einzustellen, wenn er diese zu einem späteren Zeitpunkt nicht weiter beschäftigen kann. Er gefährdet damit eventuell seinen ganzen Betrieb und damit die anderen Arbeitsplätze, da Sozialpläne bekanntlich sehr kostspielig sind. Überstunden, zum Ausgleich unregelmäßig anfallender Arbeitsnachfrage, können also von daher Arbeitsplätze sichern. Ein Unternehmer kann deshalb durchaus verantwortlich handeln, wenn er Überstunden von seinen Arbeitnehmern verlangt.

Überstunden können sogar Arbeitsplätze schaffen. Denn derjenige, der Überstunden macht, will Geld hinzuverdienen, um sich so zusätzliche Ausgaben leisten zu können. Vor allem junge Familien sind für Möglichkeiten dankbar, etwas hinzuzuverdienen, um ihre Anfangsschulden abzubauen. Dieses hinzuverdiente Einkommen tritt wiederum als Nachfrage auf den Markt. Derjenige, der Überstunden leistet, löst damit also fast immer Arbeitsleistungen anderer Arbeitnehmer aus. Von daher gesehen leisten die Überstunden einen Beitrag zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Zusätzlich bescheren sie dem Staat auch höhere Einnahmen, die direkt oder indirekt entstehen können: Durch die höheren persönlichen Steuern, die zusätzliche Mehrwertsteuer.

Ein weiterer Gesichtspunkt: Die Struktur der geleisteten Überstunden und die Struktur der Arbeitslosen stimmt nicht überein. Ein Verbot von Überstunden im EDV-Bereich bringt keinen Arbeitsplatz für arbeitslose Lehrer; ein Verbot von Überstunden in der Automobilbranche schafft keine Arbeitsplätze für arbeitslose Arzthelferinnen. Im Gegenteil, es ist zu befürchten, daß durch die verminderte Produktion auch vorgelagerte und nachgelagerte Produktionsbereiche in Mitleidenschaft gezogen werden. Ein Verbot von Überstunden könnte deshalb sogar dazu führen, daß in anderen Bereichen Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz verlieren. Statt Arbeitsplätze zu schaffen, wie es, oberflächlich betrachtet, den Anschein hat, kann ein Verbot der Überstunden dann sogar Arbeitsplätze vernichten.

Die Flucht in die Schattenwirtschaft darf ebenfalls nicht nur oberflächlich gesehen werden. Wenn in den Ostblockstaaten in verstärktem Maße ein schwarzer Markt für knappe Waren beobachtet wird, dann ist dies ein Zeichen dafür, daß die Allgemeinheit bestimmte Gesetze nicht akzeptiert. Jeder Verstoß gegen marktwirtschaftliche Regeln bringt die Gefahr der Schattenwirtschaft, des schwarzen Marktes mit sich. Die Führer in den Ostblockstaaten rügen ihre Bevölkerung mit solchen Sätzen, daß eine Beteiligung am schwarzen Markt ungesetzlich sei und gegen den sozialistischen Ehrenkodex verstoße. Wenn in den marktwirtschaftlich organisierten Staaten die Überstunden mit dem moralischen Zeigefinger bekämpft werden sollen, handeln wir gerade so. Die Antwort auf das Problem der Überstunden und der Schwarzarbeit liegt nicht in einer zunehmenden Kriminalisierung: Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und Gesetze müssen verbessert werden. Ebenso wie die schwarzen Märkte für Waren im Osten sind die schwarzen Märkte für Arbeit im Westen ein Hinweis darauf, daß ein ordnungspolitisches Defizit vorliegt.

Moralische Appelle an die Arbeitgeber, doch mehr Arbeitnehmer einzustellen und auf Überstunden zu verzichten, und moralische Appelle, doch jegliche Form von Schwarzarbeit einzustellen, sind noch keine Wirtschaftspolitik. Es ist nun endlich an der Zeit, daß – zwei Jahre nach der Wende – eine ordnungspolitisch vernünftige Politik betrieben wird. Damit ist die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, nicht mit einer Kriminalisierung von Überstunden und Schwarzarbeit. Werner Lachmann

Professor Werner Lachmann lehrt im Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz