Anders als in Holland hat der Papst in Belgien viel unbefangene Begeisterung, doch auch unverkrampfte Kritik angetroffen.

Der Forderung nach "Freiheit auch zum Irrtum", wie sie der Rektor der Katholischen Universität in Loewen erhob, stellte Johannes Paul II. die Warnung vor "geistlichem Neutralismus" gegenüber und das Bedauern über eine Welt, die leider nicht mehr "richtig christlich" denke. Was er vor den niederländischen Bischöfen nur vorsichtig angedeutet hatte, sprach er vor den belgischen aus: Daß die (notwendige) Konzilserneuerung in der katholischen Kirche "schlecht verstanden und falsch angewendet" worden sei. Krise und Sittenverfall seien nur durch "Wiederherstellung des christlichen Gewebes der Gesellschaft" zu überwinden.

Daß dieses "Gewebe" auch dadurch Zerreißproben ausgesetzt wird, daß man es allzu eng knüpft, erwies sich auf dieser Papstreise besonders deutlich. "Gewisse Ihrer Stellungnahmen zu Lateinamerika und zur Befreiungstheologie überraschen uns, Heiliger Vater. Wir meinen, daß Nicaragua wie Polen, El Salvador wie Chile Länder sind, in denen die Menschen für die Grundsätze von Gerechtigkeit und Freiheit kämpfen, denen die Kirche fundamental verpflichtet ist", sagte Veronique Oruba, die Studentenratsvorsitzende der Katholischen Universität der Wallonen, die auch den päpstlichen Ansichten zur Geburtenkontrolle widersprach.

Bei seiner Begegnung mit der Brüsseler EG-Spitze meinte Johannes Paul II., das Christentum könne "aus den Erfahrungen seiner eigenen Geschichte die Welt lehren, wie Differenzen überbrückbar sind". Er selbst bemühte sich in diesem Sinne, soweit er Politisches berührte – zumal in seinem Friedensappell bei den Kriegerfriedhöfen von Ypern doch die Risse in seiner Kirche, die Kluft zwischen ihr und dem, was er kritisch "westliche Gesellschaft" nannte, sind nach dieser Reise kaum kleiner geworden. Vielleicht fügte er deshalb am Dienstagabend in seinen vorbereiteten Abschiedstext noch den Satz ein: "Ich konnte nicht alle eure Fragen beantworten, aber ich bewahre sie in meinem Herzen..."

Hansjakob Stehle (z. Z. Brüssel)