Von Erika Martens

Sprechtag im Sozialamt Hamburg-Mitte. Leere Bierdosen, eine Flasche billigster Weinbrand, Zigarettenstummel, achtlos hingeschnippte Asche schon im Treppenhaus. Beim Öffnen der Flurtür zum ersten Stock schlägt dem Neuankömmling dichter Tabaksqualm entgegen; die Luft ist zum Schneiden. Ein Baby schreit.

Vor den Türen der Sachbearbeiter drängen sich die Wartenden, manche lehnen müde an den Wänden, andere hocken auf dem Fußboden oder stehen in Grüppchen beisammen. Auf den orangefarbenen Plastikstühlen in den Wartezonen ist kein Platz mehr frei. Nur wenige unterhalten sich. Die meisten starren wortlos vor sich hin.

An Zahltagen wie heute werden bis zu fünfhundert Menschen durch die Amtsstuben geschleust. Nach Dienstschluß sieht es dann aus wie auf einem Schlachtfeld. Und wie nach einer Schlacht fühlen sich auch die Mitarbeiter, vor allem die jüngeren unter ihnen. Sie treffen sich nach den Besuchertagen noch einmal zum gemeinsamen Gespräch, um Erfahrungen auszutauschen, Probleme zu diskutieren und Streß und Ärger ein wenig loszuwerden, bevor sie nach Hause kommen. "Denn", so resümiert Sachbearbeiter Cordts, der eigentlich Lehrer werden wollte, "was man hier manchmal erlebt, streift man nicht so schnell ab. Das bleibt in den Kleidern hängen."

Dreißig und mehr Hilfesuchende innerhalb einer Sprechstunde sind von jedem Kollegen zu betreuen. Obdachlose, geschiedene Frauen mit Kindern, Asylanten, Sintis, Rocker, Studenten, Arbeitslose, Kleinrentner, Haftentlassene – die Klientel der Sozialämter ist vielfältg. Nur eines haben sie gemeinsam, ihre Bedürftigkeit.

Den meisten, die in den Fluren auf Geld, Bescheinigungen oder einfach auf einen Rat warten, sieht man die Armut schon von weitem an. Hier fällt jeder auf, der nicht abgerissene, schäbige Kleidung trägt, der gesund aussieht und erhobenen Hauptes durch die Flure geht. Denn hier versammeln sich die Außenseiter unserer Gesellschaft, die Alten, die Gestrauchelten, die Gescheiterten. Seit einigen Jahren hat das Bild des Elends und der Verwahrlosung neue Farbtupfer bekommen – durch die Arbeitslosen, die sich mehr und mehr unter das Publikum der Sozialämter mischen. Ihre Garderobe ist zwar nicht im neuesten Modetrend, doch meist sauber und ordentlich.

Da ist zum Beispiel der arbeitslose Gymnasiallehrer, der nach dem Studium keinen Platz im öffentlichen Schulsystem fand und deshalb an eine Privatschule ging. Mit den viertausend Mark netto, die er vor zwei Jahren noch verdiente, ließ es sich gut leben. Doch dann wurde er auf halbe Stundenzahl gesetzt und kurz darauf kam die Kündigung. Heute – zwei Jahre später – lebt Richard W. wieder wie einst in Studentenzeiten von knapp tausend Mark im Monat. Dabei ist er noch relativ gut dran, denn er ist jung und kann hoffen, irgendwann in ein geordnetes Arbeitsleben zurückkehren zu können.