Nicht Amerika, sondern der Wodka ist Rußlands Staatsfeind Nr. 1

Von Christian Schmidt-Häuer

Im Kellerraum stehen sieben graue Pritschen. Die Wände sind kahl, dunkel bis in Schulterhöhe, dann weiß. Eine nackte Glühbirne verbreitet gerade genügend Licht. Auf dem einzigen Tisch stehen Wodka und Portwein, der Wodka mit einem aufgesetzten Sauger, wie eine Babyflasche. Sieben Männer in blauer Arbeitskleidung betreten den Raum. Jeder trägt ein zusammengelegtes Laken und einen großen Blecheimer. Die Männer legen sich auf die Pritschen, rücken die Eimer an die Kopfenden, entfalten die weißen Leinentücher, decken sich zu und schließen die Augen.

Ein älterer Mann mit imposanter Statur und weißem Kittel tritt vor ihre Pritschen. "Hört nur auf mich", fordert seine sonore Stimme beschwörend, "schlaft... tief schlafen ... Hände und Beine werden schwer... tief einatmen ... der Kopf sinkt immer tiefer in die Kissen ... schlafen." Allmählich verliert die Stimme ihre Wärme, bekommt autoritäre Härte, bis sie in metallisches Hämmern übergeht: "Es gilt den Willen zu festigen ... Ihnen die Kraft zu geben, einen schrecklichen Feind zu schlagen ... einen Feind, der alles wegnimmt, was für den Menschen gut ist..."

Einige Männer zucken und winden sich auf ihren Pritschen. Die Stimme donnert nun auf sie. herab wie das Jüngste Gericht: "Ein Feind der alles nimmt... Gesundheit, menschliche Achtung, Familie, Freude an der Arbeit... Jeder von Innen kennt seine Aufgabe, könnte seiner Familie, dem Staat nutzen... Doch nichts bleibt, außer Kummer .. Darum verstehen Sie, daß Wein der schlimmste Feind ist... hassen müssen Sie ihn ... denken Sie an Wodka, an W-o-d-k-a ... was der anrichtet... W-o-o-d-k-a-a-!"

Der Wodka-Schrei reißt die konvulsivisch verzerrten Gestalten von den Pritschen zu den Eimern herum, über die sie sich mit würgendem Brechreiz krümmen. Die Stimme fordert wieder zum Schlafen auf, senkt die Spannung, um mit neuem Nachdruck anzuheben: "Sie sehen jetzt, daß es schon unerträglich ist, daran zu denken ... an diese Macht zum Bösen, zu Tod und Verbrechen ... W-o-o-d-k-a-a!" Der Mann im weißen Kittel benetzt einen Korken mit Wodka und hält ihn den Stöhnenden unter die Nase. Dann preßt er ihnen die Wodkaflasche mit dem Babysauger zwischen die Zähne.

Damit haben die Männer in den blauen Overalls für diesmal das Schlimmste hinter sich: "Schlafen... Sie beginnen ein neues Leben, das gesunde Leben eines Menschen, der respektiert wird..."

Kämpfe wie diese gegen den "Hauptfeind des Lebens" (Sowjetskaja kultura über den Alkohol) werden in der Sowjetunion schon seit Jahr und Tag geführt. Die "Hypnose-Schocktherapie" von Professor Wladimir S. Roshnow, die ich im Hypnotarium eines Moskauer Psychiatrischen Krankenhauses beobachten konnte, ist nur einer von vielen verzweifelten Versuchen, Rußlands Erbfeind zurückzudrängen. Roshnows Modell nennt sich "Psychotherapeutisches Prophylaktikum für Trinker bei Industriebetrieben". Gegen diese Schocktherapie läßt sich sofort einwenden, daß diese Form der Hypnosebehandlung eine Zwangsjacke ist, daß die Art, in der hier der Alkohol verteufelt wird, neue Angsterzeugung bewirkt. Und dennoch zeigen diese und andere Bemühungen, daß der Alkoholismus in der Sowjetunion längst nicht mehr – wie früher – nur als Parasitentum verdammt, sondern als Suchtleiden bekämpft wird, das die Grundfesten der Weltmacht auszuhöhlen droht.

Seit der vergangenen Woche hat Michail Gorbatschow, der den Werktätigen mit der Kampagne für mehr Disziplin und der sowjetischen Hochbürokratie mit dem Kampf gegen Korruption die Gesetze einer Leistungsgesellschaft aufzwingen will, eine neue Front gegen den Alkoholismus eröffnet. In drei zusammenhängenden Beschlüssen stellen Partei, Regierung und Staatspräsidium fest, daß sich das Alkoholproblem "in den letzten Jahren zugespitzt" hat und die Gesundheit der Bevölkerung zerrüttet. Sie kündigten einen Katalog von Maßnahmen und Strafen an:

Von 1986 an soll die Wodkaproduktion "von Jahr zu Jahr" vermindert werden; bereits 1988 will der Staat die Produktion der billigen Beeren- und Obstweine ganz einstellen. Schwarzbrennerei soll durch strafrechtliche Verfolgung "entschlossen ausgemerzt" werden. Auch wer "Selbstgebrannten (russisch: Samogon) nur erwirbt, muß bis zu hundert Rubeln Strafe zahlen (der offizielle Durchschnittslohn beträgt 185 Rubel im Monat). Wer in der Öffentlichkeit "in einem die menschliche Würde und die gesellschaftliche Moral beleidigendem Zustand der Trunkenheit" erscheint, dem droht vom 1. Juni an eine verdreifachte Geldbuße bis zu dreißig Rubeln. Wer am Arbeitsplatz trinkt oder angetrunken erscheint, muß dreißig bis fünfzig Rubel Strafe bezahlen, mittrinkende Vorgesetzte bis zu hundert Rubel. Funktionären, die "eine Neigung zu alkoholischen Getränken haben und Trinkgelage zulassen", wird der Parteiausschluß und damit der Sturz ins Bodenlose angedroht. Selbst Besucher von Empfängen sollen sich künftig auf Soft-Drinks beschränken. Der Verkauf von Alkohol, der bisher um 11 Uhr beginnen durfte, ist jetzt nur von 14 Uhr an erlaubt; junge Leute dürfen Alkohol nicht mehr vom 18., sondern erst vom 21. Lebensjahr an erwerben. Wer Minderjährige zum Trinken verleitet, muß künftig mit fünf Jahren Freiheitsentzug rechnen.

Die besorgten Spekulationen vieler Sowjetbürger bewahrheiteten sich indessen nicht ganz: Eine Verteuerung und Rationierung des Wodkas blieb aus – der neue Parteichef ließ sich zu Recht von der Erfahrung leiten, daß solche drakonischen Maßnahmen die Lage noch verschlimmern. So sah sich zum Beispiel Parteichef Andropow 1983 genötigt, einen billigeren Wodka auf den Markt zu bringen, nachdem die Verteuerung des Alkohols im Jahre 1981 zu einer sprunghaften Steigerung der besonders gesundheitsschädlichen Samogon-Produkte geführt hatte.

Künftige Generationen gefährdet?

Andererseits bleiben auch die jüngsten Staats- und Parteibeschlüsse zum Alkohol schon im Ansatz inkonsequent, weil sie der Öffentlichkeit wiederum die volle Wahrheit vorenthalten. Sie geben weder die Menge der vom Staat produzierten Spirituosen an, noch die Prozentzahl der jetzt verkündeten Produktionssenkung. Die Gesamtzahl der Suchtkranken in der Sowjetunion (in der Bundesrepublik gehören über 1,5 Millionen Menschen zum Kreis der behandlungsbedürftigen Alkoholiker) und vollständige statistische Unterlagen bleiben auch weiter Staatsgeheimnis.

Doch selbst die Splitter aus Einzeluntersuchungen, die seit Mitte der siebziger Jahre von der sowjetischen Presse zusammengetragen werden dürfen, lassen sich zu einem Alkoholspiegel zusammenfügen, der ein immer düsteres Bad zeigt.

So hat die Zahl der durch Alkohol verursachten Geburtsschäden in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Das Akademiemitglied F. Uglow verwies 1984 in der Iswestija unter Berufung auf eine Untersuchung von 1500 Müttern und Kindern darauf, daß drei Viertel aller Neugeborenen von starken Trinkerinnen "Abweichungen von der Norm" gezeigt hätten. Die Literaturnaja gasjeta machte darauf aufmerksam, daß der Bedarf an Sonderschulen für geistig zurückgebliebene Kinder seit Jahren ansteige – parallel zum wachsenden Alkoholkonsum.

Wie in vielen anderen Ländern auch hat die Trunksucht unter Frauen in den vergangenen Jahren etwa doppelt so schnell zugenommen wie bei den Männern. Nach Angaben der zuverlässigen Zeitschrift Soziologitscheskije isljedovanja sind inzwischen 12 bis 15 Prozent der sowjetischen Alkoholkranken Frauen. Die besondere Besorgnis der Parteiführung über diese Entwicklung kommt dadurch zum Ausdruck, daß künftig die Produktion der billigen Beeren- und Obstweine eingestellt werden soll. Sie waren vor Jahren verstärkt produziert und geringer besteuert worden, um den hochprozentigen Wodka zurückzudrängen. Doch das mißlang; die leichteren Spirituosen machten nun auch noch den Frauen das Trinken schmackhafter.

Wenn nicht in der Wiege (durch die Mütter), beginnt die Alkoholgefährdung für immer mehr Russen in der Kindheit. Die Zeitung Selskaja shisn hat dazu festgestellt: "Das Durchschnittsalter der Alkoholsüchtigen ist in der vergangenen Dekade um fünf bis sieben Jahre zurückgegangen. Untersuchungen von Patienten haben ergeben, daß mehr als 90 Prozent bereits vor dem 15. Lebensjahr zum Trinken verleitet wurden, ein Drittel sogar schon vor dem zehnten Lebensjahr."

Drei Viertel aller Vergewaltigungen und neun von zehn Störungen der öffentlichen Ordnung geschehen nach sowjetischen Angaben im Alkoholrausch. Mehr als ein Drittel aller Autounfälle und Brände sind auf Trunkenheit zurückzuführen. Jeder vierte Betriebsunfall und fast 90 Prozent aller Verletzungen der Arbeitsdisziplin gehen auf das Konto des "Hauptfeindes". 12 bis 15 Prozent der Erwachsenen werden jährlich durch Ausnüchterungsstationen geschleust (Nasch sowremik).

Von der Wiege bis zur Bahre: 1979 waren 96 Prozent aller Bürger, die durch Brände ums Leben kamen, alkoholisiert. Bei fast fünfzig Prozent aller Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang ist Alkohol im Spiel. Acht Prozent aller Todesfälle ohne Gewalteinwirkung treten durch Alkoholvergiftung ein. Gesundheitsschäden durch Trinken sind nach Herz-Kreislauf-Versagen und Krebs die häufigste Todesursache – seit einigen Jahren auch bei Frauen. Die Lebenserwartung der Männer ist von 67 Jahren (1964) auf 62 Jahre (1980) zurückgegangen.

Nach Feier- und Zahltagen steigt der Ausschuß in der Produktion um rund 3,5 Prozent. "Unser Ingenieur fällt jeden Montag wegen Trunkenheit aus", sagte mir einmal der leitende Angestellte eines zentralrussischen Betriebes, "aber wir sind heilfroh, wenn er dienstags oder mittwochs wiederkommt; denn einen besseren Fachmann fänden wir nicht." Der Arbeitskräftemangel führt dazu, daß viele Vorgesetzte die wegen Trunkenheit fehlenden Werktätigen als beurlaubt melden.

Hier steht Michail Gorbatschow eine fast unlösbare Aufgabe bevor, die er als Parteichef seiner Heimatregion Stawropol auch nicht zu voller Befriedigung lösen konnte. Aus der Stadt im Nordkaukasus berichtete die Literaturnaja gasjeta Ende der siebziger Jahre: "Es war ein gewöhnlicher Montag, und in keinem Betrieb von Stawropol wurde Gehalt ausgezahlt. Aber es gab viele Betrunkene ... Um 19 Uhr begann für die Mitarbeiter der narkologischen Anstalt die Kampfzeit ... Die Betrunkenen kamen wie eine Meereswoge. Als sie um Mitternacht in tödlich-berauschtem Zustand auf den Betten lagen, schrieben die Samariter die Vordrucke aus, mit denen die Betriebe darüber informiert werden, daß ihre Mitarbeiter in trunkenem Zustand aufgelesen worden sind."

Trunksucht mit Tradition

Das Sowjetsystem ist bekanntlich nicht der Urquell der tristen russischen Trinkfreude. Schon die berühmte Nestor-Chronik erklärt die Bekehrung Rußlands zum Christentum und die Ablehnung des Islam durch die Kiewer Fürsten mit dem Alkoholverbot der Moslems. Ohne das Trinken könnten die Russen nicht leben, antwortete Wladimir der Täufer (965-1015) der Legende zufolge auf die Bekehrungsversuche der muslimischen Abgesandten. Es hat sich wenig geändert. Im roten Imperium gibt es ein blaues Nord-Süd-Gefälle. Der Alkoholspiegel würde in den islamischen Sowjetrepubliken gegen Null sinken, wenn nicht kräftige slawische Minderheiten für die fehlenden Prozente sorgten.

Schon die klassische russische Literatur schwelgt in Gelagen und Trinkphilosophien, von Gogols Toten Seelen über Leskows Ein absterbendes Geschlecht bis zu Jessenins Versen. Not und Verzweiflung trieben die untersten Schichten. Ich-Schwäche, Realitätsflucht und der Drang nach Seelen-Eruptionen als Ersatzbefreiung waren die Motive der Aufgestiegenen. "Darum trinke ich doch", sagte der unglückliche, vormalige Titularrat Marmeladow in Dostojewskijs Schuld und Sühne, "weil ich in diesem Trank hier Mitleid und Gefühl suche. Ich trinke, weil ich doppelt leiden will!"

Die sowjetische Wirklichkeit hat die alten Quellen der Trunksucht nicht austrocknen können, sondern nur neu gespeist. Die Enge der Wohnung, die fehlenden Freizeitangebote vor allem auf dem Lande, die Verstädterung ohne urbane Kultur, die schalen Bierhallen und bröckelnden Hinterhöfe "animieren" zu einer fatalen Traditionspflege: so hastig wie möglich Alkohol hinunterzuschütten, um so schnell wie möglich die Umwelt verschwimmen zu sehen.

So ist Gorbatschows Feldzug gegen den "schlimmsten Feind" doppelt schwierig, weil er sich gleichzeitig gegen den besten Freund von altersher richtet: Der Alkoholgenuß gilt immer noch als Beweis männlicher Kraft und häuslicher Gastlichkeit – und er ist nach wie vor eine verborgene Werbung um Mitgefühl. "Der Feldrede soff sich toll und voll und ging dann wieder in alle Kasernen", schrieb Dostojewskij in den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, "diesmal wankend und stolpernd, um allen zu zeigen, daß er betrunken war, daß er ,durchging‘, und um dafür allgemeine Achtung zu erwerben. Im russischen Volk findet man überall eine gewisse Sympathie für die Betrunkenen." Von dieser Sympathie gehen die Trinker bis heute aus – und auch die Gastgeber. "Die Russen meinen, sie hätten ihre Gäste nicht wohl empfangen, wenn diese nicht betrunken sind", erkannte schon vor 460 Jahren der österreichische Diplomat Sigismund zu Herberstein.

Tradition ist schließlich auch – nicht anders als in den westlichen Ländern –, daß der Staat an den Trinksitten und -Unsitten seiner Bürger enorm verdient. Dem Alkohol verdankte das Zarenreich im 19. Jahrhundert seine größte Steuerquelle. Heute kassiert der Sowjetstaat jährlich weit über zwanzig Milliarden Rubel an Alkoholsteuern.

So bleibt fraglich, ob die jetzigen Maßnahmen mehr bewirken werden, als daß ein paar Tropfen weniger Alkohol aus staatlichen Quellen fließen. Denn an die "Ausmerzung" der Scnwarzbrennerei glaubt vorerst kaum jemand. Das angekündigte Programm – wenn es auch nur annähernd in eine gesundheitsfördernde Praxis umgesetzt werden soll – ist der erste gewaltige Prüfstein auf Gorbatschows hindernisreichem Weg, der die Sowjetgesellschaft aus Lethargie, Leistungsverweigerung und Selbstzerstörung herausführen soll.