Kämpfe wie diese gegen den "Hauptfeind des Lebens" (Sowjetskaja kultura über den Alkohol) werden in der Sowjetunion schon seit Jahr und Tag geführt. Die "Hypnose-Schocktherapie" von Professor Wladimir S. Roshnow, die ich im Hypnotarium eines Moskauer Psychiatrischen Krankenhauses beobachten konnte, ist nur einer von vielen verzweifelten Versuchen, Rußlands Erbfeind zurückzudrängen. Roshnows Modell nennt sich "Psychotherapeutisches Prophylaktikum für Trinker bei Industriebetrieben". Gegen diese Schocktherapie läßt sich sofort einwenden, daß diese Form der Hypnosebehandlung eine Zwangsjacke ist, daß die Art, in der hier der Alkohol verteufelt wird, neue Angsterzeugung bewirkt. Und dennoch zeigen diese und andere Bemühungen, daß der Alkoholismus in der Sowjetunion längst nicht mehr – wie früher – nur als Parasitentum verdammt, sondern als Suchtleiden bekämpft wird, das die Grundfesten der Weltmacht auszuhöhlen droht.

Seit der vergangenen Woche hat Michail Gorbatschow, der den Werktätigen mit der Kampagne für mehr Disziplin und der sowjetischen Hochbürokratie mit dem Kampf gegen Korruption die Gesetze einer Leistungsgesellschaft aufzwingen will, eine neue Front gegen den Alkoholismus eröffnet. In drei zusammenhängenden Beschlüssen stellen Partei, Regierung und Staatspräsidium fest, daß sich das Alkoholproblem "in den letzten Jahren zugespitzt" hat und die Gesundheit der Bevölkerung zerrüttet. Sie kündigten einen Katalog von Maßnahmen und Strafen an:

Von 1986 an soll die Wodkaproduktion "von Jahr zu Jahr" vermindert werden; bereits 1988 will der Staat die Produktion der billigen Beeren- und Obstweine ganz einstellen. Schwarzbrennerei soll durch strafrechtliche Verfolgung "entschlossen ausgemerzt" werden. Auch wer "Selbstgebrannten (russisch: Samogon) nur erwirbt, muß bis zu hundert Rubeln Strafe zahlen (der offizielle Durchschnittslohn beträgt 185 Rubel im Monat). Wer in der Öffentlichkeit "in einem die menschliche Würde und die gesellschaftliche Moral beleidigendem Zustand der Trunkenheit" erscheint, dem droht vom 1. Juni an eine verdreifachte Geldbuße bis zu dreißig Rubeln. Wer am Arbeitsplatz trinkt oder angetrunken erscheint, muß dreißig bis fünfzig Rubel Strafe bezahlen, mittrinkende Vorgesetzte bis zu hundert Rubel. Funktionären, die "eine Neigung zu alkoholischen Getränken haben und Trinkgelage zulassen", wird der Parteiausschluß und damit der Sturz ins Bodenlose angedroht. Selbst Besucher von Empfängen sollen sich künftig auf Soft-Drinks beschränken. Der Verkauf von Alkohol, der bisher um 11 Uhr beginnen durfte, ist jetzt nur von 14 Uhr an erlaubt; junge Leute dürfen Alkohol nicht mehr vom 18., sondern erst vom 21. Lebensjahr an erwerben. Wer Minderjährige zum Trinken verleitet, muß künftig mit fünf Jahren Freiheitsentzug rechnen.

Die besorgten Spekulationen vieler Sowjetbürger bewahrheiteten sich indessen nicht ganz: Eine Verteuerung und Rationierung des Wodkas blieb aus – der neue Parteichef ließ sich zu Recht von der Erfahrung leiten, daß solche drakonischen Maßnahmen die Lage noch verschlimmern. So sah sich zum Beispiel Parteichef Andropow 1983 genötigt, einen billigeren Wodka auf den Markt zu bringen, nachdem die Verteuerung des Alkohols im Jahre 1981 zu einer sprunghaften Steigerung der besonders gesundheitsschädlichen Samogon-Produkte geführt hatte.

Künftige Generationen gefährdet?

Andererseits bleiben auch die jüngsten Staats- und Parteibeschlüsse zum Alkohol schon im Ansatz inkonsequent, weil sie der Öffentlichkeit wiederum die volle Wahrheit vorenthalten. Sie geben weder die Menge der vom Staat produzierten Spirituosen an, noch die Prozentzahl der jetzt verkündeten Produktionssenkung. Die Gesamtzahl der Suchtkranken in der Sowjetunion (in der Bundesrepublik gehören über 1,5 Millionen Menschen zum Kreis der behandlungsbedürftigen Alkoholiker) und vollständige statistische Unterlagen bleiben auch weiter Staatsgeheimnis.

Doch selbst die Splitter aus Einzeluntersuchungen, die seit Mitte der siebziger Jahre von der sowjetischen Presse zusammengetragen werden dürfen, lassen sich zu einem Alkoholspiegel zusammenfügen, der ein immer düsteres Bad zeigt.