Heiner Geißler: Der angegriffene Angreifer fühlt sich als Opfer, nicht als Täter

Von Rolf Zundel

Wenn Heiner Geißler ein Zyniker wäre, das Gespräch mit ihm fiele leichter. Man könnte sich mit ihm beispielsweise interessant darüber unterhalten, daß Kampagnen zum Geschäft der Politik gehören und daß dabei Halbwahrheiten in die Form von Kampfbegriffen gepreßt werden, deren Diskussion dem Gegner aufgezwungen werden soll: Machtkampf, technisch und organisatorisch auf den modernsten Stand gebracht. Und es ließe sich unter Umständen sogar ein Stück weit Einverständnis darüber erzielen, wann solche Kampagnen für die Politik gefährlich, weil kontraproduktiv werden. Nur: Heiner Geißler ist kein Zyniker.

"Der ideallos gewordene Machtwille" (Peter Sloterdijk), die traditionelle Form des politischen Zynismus, ist ihm fremd. Auch das gedankenlos johlende gute Gewissen, wie es Hinterbänkler der Union manchmal zur Schau tragen, die bürgerliche Wohlanständigkeit, wie sie Gerhard Stoltenberg beispielhaft vorführt, wenn er nicht gereizt ist, oder die augenzwinkernde Chuzpe, wie sie in der CSU zu Hause ist – all das ist seine Sache nicht. Er ist Moralist und gnadenloser Kämpfer – und in dieser Kombination manchen Parteifreunden hie und da eine Distanzierung wert.

Der Ethiker, der beim Waffenexport den stillen Opportunismus der Regierungspolitik aufstöberte, der Menschenrechtler, der auch rechte Diktatoren – wie jüngst Pinochet in Chile – öffentlich attackierte, der dickköpfig "sozialdemokratisches Gedankengut" (Strauß) in die CDU einschleppte, ist kein sehr typischer Christdemokrat: jedenfalls den Realpolitikern nicht ganz geheuer, auch wenn sie ihn, sofern es gegen die Sozialdemokraten geht, zu erleiden hatte, vervollständigen nur das Bild: ein Mann mit einer moralisch knitterfesten Biographie.

Kampagnen und Gegenkampagnen

Das Gespräch wäre auch leichter, wenn ihn nicht am Abend der Nordrhein-Westfalen-Wahl Willy Brandt "seit Goebbels den schlimmsten Hetzer in diesem Land" genannt hätte und wenn er jetzt nicht im Spiegel neben Hitlers Propagandaminister abgebildet worden wäre. Es wäre zuviel verlangt, von ihm kühle Gelassenheit zu erwarten. Natürlich ist er intelligent genug, um den Mechanismus zu begreifen, der da abgelaufen ist: Eine für die SPD gefährliche Kampagne unter dem Schlagwort Antiamerikanismus wird zu stoppen oder wenigstens zu bremsen versucht, indem man den Kampagnenbetreiber und dessen Machttechnik öffentlich brandmarkt: Kampagne gegen Kampagne, Gift und Gegengift.