Düsseldorf

Nievenheim ist ein kleines, beschauliches Städtchen mit 5700 Einwohnern zwischen Düsseldorf und Köln. Hier kennt man noch seine Nachbarn, geht es nicht so anonym zu wie in der Großstadt. Im Schreibwarenladen der 72jährigen Maria Pesch wird der neueste Dorfklatsch ausgetauscht; im Salon des 67jährigen Friseurmeisters Hans Schmitz spricht man über Urlaubspläne, über das Fortkommen der Kinder, über die neue Terrassenbepflanzung. Ein typisches, biederes Kleinstadtidyll ohne nennenswerte Höhepunkte oder Abgründe – das war Nievenheim bis vor zwei Jahren.

Seit dem Sommer 1983 ist die Welt von Nievenheim nicht mehr in Ordnung. Was damals, in der Nacht vom 19. zum 20. August, genau passiert ist, versucht die 17. Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf in einem Mammutprozeß mit rund 120 Zeugen und mehreren Gutachten zu klären.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 25jährigen Rainer Staudt aus Nievenheim vor, in jener Nacht seinen damals 20 Jahre alten Bruder Georg sowie die 54 und 55 Jahre alten Eltern Gertrud und Hermann Staudt "aus Habgier" ermordet zu haben. Die Leichen der drei konnten bis heute nicht gefunden werden.

Rainer Staudt wollte sich selbständig machen und eine Motorrad-Vertretung in Neuss übernehmen. Seine Stelle als EDV-Service-Techniker hatte er zum Jahresende 1983 bereits gekündigt. Für die Übernahme des Motorradgeschäfts benötigte er jedoch ein Startkapital von 300 000 Mark. Staudt soll, nachdem es ihm nicht gelungen war, das Geld über Kredite aufzubringen, seine Eltern aufgefordert haben, ihr auf 700 000 Mark geschätztes, schuldenfreies Eigenheim zu belasten. Als diese sich weigerten, so der Staatsanwalt, habe er seine Familie aus Wut und letztlich aus unbändigem Haß umgebracht. Zunächst habe er, vermutlich im Verlauf eines Streits, seinen Bruder erstochen oder erschlagen und anschließend die Eltern, nachdem sie gegen drei Uhr morgens in jener Freitagnacht von einem Straßenfest heimgekehrt waren, im Schlaf erdrosselt.

"Ich bin unschuldig", sagt der Angeklagte dazu, der sehr selbstsicher wirkt. Er sei in jener Nacht gar nicht zu Hause gewesen, sondern in der Düsseldorfer Altstadt versackt und erst am Samstagmorgen nach Hause gekommen. Zeugen dafür gibt es nicht. Dann habe er geduscht, ein paar Kleidungsstücke eingepackt und sei zu einem Freund nach Bremen gefahren. Die Familie habe zu dieser Zeit noch geschlafen.

Als er am Sonntagabend zurückkehrte, habe er einen Notizzettel seiner Mutter vorgefunden. Darin habe sie mitgeteilt, daß die Familie bereits am Samstag und nicht, wie geplant, am Sonntag in Urlaub gefahren sei. Entgegen den ursprünglichen Plänen hätten sie kurzerhand auch Sohn Georg mitgenommen; auch seien sie nicht, wie sie vorhatten, in den Schwarzwald, sondern nach Österreich gefahren – und dies nicht, wie sonst, mit dem Auto, sondern per Bahn. Rainer Staudt selbst war es, der seine Familie nach drei Wochen, als sie aus dem Urlaub nicht zurückkam, bei der Polizei als vermißt meldete. Kurz darauf wurde er unter dringendem Mordverdacht festgenommen und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft.