Borken

Die Sekretärin in der CDU-Fraktionsgeschäftsstelle des Düsseldorfer Landtags bricht in Gelächter aus: Da ruft einer an und will wissen, ob es denn irgendwo einen Wahlkreis gebe, in dem die Union bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen keine Stimmeneinbußen erlitten habe. Ist das nicht komisch? Nein, antwortet sie, ohne in den Wahlergebnissen nachsehen zu müssen, so einen Wahlkreis gibt es nicht.

"Früher", sagt Karl Nagel, "hat sich das Münsterland aus dem Landestrend herausgehalten." Bei dieser Wahl aber seien alle Wahlkreise "wie noch nie in den Sog des Trends" geraten.

Karl Nagel ist einer von den "zwölf Aposteln". So wurden bis vor nicht allzu langer Zeit die zwölf Landtagsabgeordneten des CDU-Bezirks Münsterland respektvoll-ironisch genannt. Es war fast schon Gewohnheitsrecht, daß die zwölf Münsterland-Wahlkreise stets an die Union fielen. Seit 1980, als die nordrhein-westfälischen Wahlkreise neu aufgeteilt wurden, sind es nur noch elf. Doch schlimmer noch: Am 12. Mai holte sich die SPD erstmals vier dieser elf CDU-Domänen. Die legendären "zwölf Apostel" sind auf sieben geschrumpft.

Auch Karl Nagel geriet in den "Sog des Trends". An den Machtverhältnissen in seinem Wahlkreis Borken II konnte dies freilich nichts ändern. Seit Jahren schon erzielt er bei Wahlen stets das landesweit beste Ergebnis seiner Partei: 69,7 Prozent 1980, 61,1 Prozent dieses Mal. Umgekehrt bilden die Sozialdemokraten hier "das rote Licht in Nordrhein-Westfalen", so Nagels Kontrahent Winfried Semmelmann. Immerhin konnten sie sich jetzt an die 30-Prozent-Marke heranarbeiten – von 25,1 auf 29,7 Prozent.

"Früher", sagt Semmelmann, "hatten wir in den Dörfern kaum mehr als 10 oder 15 Wähler. Wenn da ein Lehrerehepaar zugezogen war und die SPD bei der nächsten Wahl zwei Stimmen mehr erhielt, wußte man gleich Bescheid." Mittlerweile ist es schwieriger geworden, die Roten zu identifizieren. "Jetzt kriegen wir manchmal 30, 40 Stimmen."

So bescheiden nimmt sich der Landestrend in einer Region aus, wo Kirche und Landwirtschaft das konservative Bild prägen. "Kritischer Bürgersinn hat es hier schwer", sagt Semmelmann und fügt, nicht ohne ironischen Unterton, hinzu: "Die Menschen sind zwar halbwegs säkularisiert, aber immer noch sehr gottergeben. Nicht von ungefähr habe der Kreis Borken die höchsten Geburtenraten in der ganzen Bundesrepublik und unterm Strich sogar einen kontinuierlichen Bevölkerungszuwachs. Semmelmann: "Das hängt natürlich mit der Kirche und ihrer Einstellung zur Pille zusammen."