Um eine radikale Kultgruppe zum Verlassen ihres verbunkerten Hauses zu zwingen, ließ der Polizeichef von Philadelphia aus einem Hubschrauber eine handgefertigte Bombe abwerfen. Elf Angehörige der Gruppe, darunter vier Kinder, wurden getötet; 270 Bürger wurden obdachlos, als 53 Nachbarhäuser niederbrannten.

Es sei der gewalttätigste Räumungsbefehl gewesen, der je erlassen wurde, erklärte der Abgeordnete Conyers, als er ankündigte, im Kongreß werde sich ein Untersuchungsausschuß mit den Vorgängen in Philadelphia befassen. Neben zivilrechtlichen Problemen seien auch verfassungsrechtliche Fragen aufgeworfen: nach dem Schutz von Persönlichkeit und Eigentum, nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel beim Polizeieinsatz, aber auch nach möglichen rassischen Komponenten der Tragödie.

Auch in der amerikanischen Öffentlichkeit werden dringende Fragen gestellt: Warum hat Bürgermeister Wilson Goode dem Treiben der selbsternannten Move-Revolutionäre in der Osage Avenue so lange tatenlos zugesehen? Vor allem: Wäre denn die Bombe auch abgeworfen worden, wenn sich die Ereignisse in einem weißen Wohnviertel zugetragen hätten? Daß der Bürgermeister von Philadelphia selbst ein Schwarzer ist, macht ein Verständnis der Vorgänge, die am 13. Mai zum Bombenabwurf führten, noch komplizierter.

Schwarze Kleinbürger, Handwerker und Angestellte bewohnen seit den fünfziger Jahren die gleichförmigen Reihenhäuser im Westen der Stadt, in dem auch die Osage Avenue liegt. Move-Leute, eine ursprünglich radikale Umweltschutzgruppe von Schwarzen, zogen vor mehr als drei Jahren in eines der Häuser und begannen alsbald ihre Nachbarn zu terrorisieren – mit Lautsprechern zunächst, über die sie Flüche und Drohungen verbreiteten; dann warfen sie Dreck und Abfall auf die Straße; schließlich schleppten sie Stahlträger und Baumstämme in ihr Haus und verwandelten es in eine Festung, die sie mit einem waffenbestückten Bunker auf dem Dach krönten.

Die Nachbarn riefen Stadtverwaltung und Polizei wiederholt um Hilfe an. Doch Bürgermeister Goode befand, die Move-Leute hätten kein Gesetz gebrochen und "Dreck und Gestank" seien ihm lieber als Blutvergießen. Ihm ist freilich vorgehalten worden, daß er eine Fülle gesetzlicher Gründe gehabt hätte, um gegen die Kultgruppe einzuschreiten: unerlaubter Waffenbesitz, Aufruf zu Gewalt, Verdickung der Straße, Kopulieren vor aller Öffentlichkeit.

Wilson Goode aber zögerte, scheute die Konfrontation, weil bereits einmal in einer Räumungsaktion gegen Move ein Polizist erschossen worden war. Neun Move-Mitglieder wanderten dafür ins Gefängnis. Jetzt wollten ihre Genossen in der Osage Avenue die Freilassung erzwingen. Am 11. Mai erhielt Wilson Goode einen Brief mit den schlimmsten Drohungen für seine Stadt und ihre Bürger, und da mußte er handeln.

Der Polizeichef hat den Abwurf des Sprengsatzes damit gerechtfertigt, daß weder Wasserwerfer noch Tränengasgeschosse in das Haus einzudringen vermochten. Es sei eine Panne gewesen, daß der gewaltsamen Öffnung das Feuer folgte. Doch fast zwei Stunden lang schaute die bereitstehende Feuerwehr dem Brande tatenlos zu – bis es zu spät war. Warum? Hätte die Feuerwehr, fragen Leitartikler und Kommentatoren, auch in einem weißen Wohnviertel so lange gewartet?