Steckt der bulgarische Geheimdienst hinter dem Anschlag auf den Papst vor vier Jahren?

Von Hansjakob Stehle

Rom, im Mai

Auf dem Markt der Mörder gab es ein Angebot: "Kennst Du jemanden, der für eine hohe Summe bereit wäre, den Papst umzubringen?" fragte zur Zeit des Oktoberfestes 1980 ein Türke in München seinen Landsmann Salik. Jetzt wird Salik einer der Zeugen sein, die im Prozeß gegen die mutmaßlichen Mitverschwörer des Papst-Attentats vom 13. Mai 1981 aussagen.

Der Mann, den Salik belastet, gilt als Vertrauter eines – freilich abwesenden – Hauptangeklagten, des Türken Bekir Celenk. Zu den Geschäften dieses vielseitigen, zwischen Ost und West, Europa und Amerika emsig pendelnden Kaufmanns soll nämlich nicht nur einträglicher Handel mit Waffen und Drogen, sondern beiläufig auch die Bestellung des Mordanschlags auf Johannes Paul II. gehört haben. So behauptet es beharrlich der Attentäter Ali Agça, der in Rom bereits zu lebenslänglicher Haft verurteilt ist und nun als Hauptzeuge der Anklage auftritt.

Agça will dem "mafiosen" Herrn aus Istanbul, den er in allen Einzelheiten – bis zum Brillantring – zu beschreiben weiß, Anfang Juli 1980 in der bulgarischen Hauptstadt Sofia begegnet sein – genau dort, wohin sich Celenk eilends absetzte, als er von dem Verdacht gegen sich hörte. Seit über zweieinhalb Jahren sitzt nun dieser Celenk, seine Unschuld beteuernd, dort in luxuriösem Hausarrest – "unter Kontrolle". So nennen es die bulgarischen Behörden. Sie schickten zwar nicht Celenk selber, aber seine Aussagen nach Rom – zusammen mit allerlei zum Teil durchaus nützlichem Beweismaterial.

Fürchten die Bulgaren die Zweifel, die ihr Verhalten erregt, weniger als die Folgen eines Auftritts von Celenk vor dem italienischen Gericht? Nehmen sie lieber den Verdacht einer zwielichtigen Rolle beim Papst-Attentat auf sich, als zu riskieren, daß Licht in den Dschungel ihrer Verfilzung in türkische Mafia-Umtriebe fällt? Ilario Martella, der Untersuchungsrichter, der jahrelang geduldig jede Spur verfolgte, vermeidet es, diese Fragen offen anzuschneiden; auf der neunhundertsten seiner 1243 Seiten langen Anklageschrift stellt er nur lakonisch fest, daß bislang nichts "die gegenwärtige Beziehung zwischen dem türkischen Bürger Bekir Celenk und dem bulgarischen Staat erkennen läßt".