Verhäßt der Sudan das pro-westliche Lager? Der überraschende Besuch Muammar al-Ghaddafis in Khartoum löste Spekulationen über neue Allianzen im Nordosten Afrikas und in der arabischen Welt aus.

Als der starke Mann im Sudan noch Dschafar Numeiri hieß, rief Libyens Revolutionsführer Ghaddafi die Sudanesen. immer wieder zum Sturz des mit Ägypten und Amerika verbundenen Generals auf; Numeiri entging mehreren von Libyen gesteuerten Umsturzversuchen. Als im April das Regime Numeiris tatsächlich gestürzt wurde, lobte Libyen die, Revolution, obwohl die neuen Herren deutlich machten, daß sie mit Libyen ideologisch und außenpolitisch wenig verbinde. Numeiri allerdings fand in Kairo Asyl – ganz ungetrübt war darum die Beziehung Ägyptens zu seinen Nachfolgern in Khartoum von Anfang an nicht.

Millionen Sudanesen leiden unter der großen afrikanischen Hungersnot; das Land ist hochverschuldet; der Bürgerkrieg gegen die nichtmuslimischen Aufständischen im Südsudan ruiniert den Staatshaushalt. Das reiche Libyen kann das ausgepowerte Land wirtschaftlich unterstützen; es kann vor allem den Rebellen im Süden seine Hilfe entziehen. Für diese Aussicht nahm Swareddahab die diplomatischen Beziehungen zu Tripoli wieder auf.

All das war Grund genug für Muammar al-Ghaddafi, seine Pilgerfahrt nach Mekka für vier Stunden auf dem Flughafen von Khartoum zu unterbrechen, Swareddahab um den Hals zu fallen und die Armeen in der gesamten arabischen Welt aufzufordern, "sich den Massen anzuschließen und die reaktionären Regime zu stürzen". Der umgarnte Swareddahab reagierte auf die revolutionäre Verbrüderungsrhetorik nicht; auch so muß der libysche Umarmungsversuch das Mißtrauen des ägyptischen Präsidenten Mubarak wecken.

Ghaddafi selbst setzte in Saudi-Arabien seine diplomatische Offensive fort. Gegen reaktionäre Regime konnte er hier freilich nicht agitieren; wohl aber erörterte er mit König Fahd Möglichkeiten zur Beendigung des Golfkrieges, in dem Libyen zu den Iranern hält, während Saudi-Arabien viel Geld zur Unterstützung des Irak ausgibt. Fahds Außenminister und Neffe Prinz Saud reiste gleichzeitig nach Teheran – wahrscheinlich kein Zufall. Ghaddafi will diese Kontakte fördern, zum Schlichter und Einiger der arabisch-islamischen Welt werden – mit dem offensichtlichen Ziel, Ägypten erneut zu isolieren.

Hans Jakob Ginsburg