Von Nina Grunenberg

Jerusalem, im Mai

Helmut Schmidt reiste auf seine Weise nach Israel: Er wählte den Weg über Ägypten. Als die Jerusalemer Reisepläne des früheren Bundeskanzlers bekanntgeworden waren, hatte sich Präsident Mubaraks Botschafter in Bonn bei ihm gemeldet. Die Ägypter luden ihn ein, vorher nach Kairo zu kommen.

Nach dem Tode von Anwar el-Sadat hat Hosni Mubarak zu den großen angenehmen Überraschungen für Helmut Schmidt gezählt. Auch nach der Wende in Bonn ließ der Ägypter den Gesprächsfaden mit dem Deutschen nicht abreißen und pflegte die Freundschaft weiter, die sein Vorgänger Sadat angeknüpft hatte. Heute steht Helmut Schmidt am Nil auf einem Piedestal, das nur noch von dem des Feldmarschalls Erwin Rommel überragt wird. Mit Ironie ist dieser Heldenverehrung nicht beizukommen. Was zählt, ist vielmehr die Bewunderung für einen Realpolitiker, der sich den Blick nicht von Leidenschaften trüben läßt und der Gefühle zur verbotenen Kategorie erklärt – "wie für jeden, der praktisch wirken muß". Die Faszination, die Helmut Schmidt auf die Ägypter ausübt, faßte ein Kairoer Gesprächspartner in die Worte: "Unsere Politik besteht aus Emotionen. Insgeheim sind wir aber davon überzeugt, daß sich unsere Probleme viel besser lösen ließen, wenn wir sie so rational angehen würden wie Schmidt."

Da sind die Israelis ganz anderer Ansicht. Schmidts Begabung zur radikalen Analyse, die auf Menschen nur insofern Rücksicht nimmt, als sie sich als nützlich oder interessant für die Sache erweisen, hat in Israel stets Empfindlichkeiten geweckt, die sich bis zum Wutgeheul steigern konnten. Wer hat nicht noch Menachem Begins alttestamentarischen Zornesausbruch im Ohr, als Bundeskanzler Schmidt 1981 aus Saudi-Arabien zurückkehrte und die Einsicht nach Bonn mitbrachte: "Man kann nicht im Palästinenser-Konflikt der einen Seite alle Moral zuerkennen und bei der anderen Seite die Achsel zucken ... Das geht insbesondere nicht, wenn man Deutscher ist, in einer geteilten Nation lebt und den moralischen Anspruch auf Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes erhebt. Dann muß man auch den moralischen Anspruch auf Selbstbestimmung des palästinensischen Volkes anerkennen..."

Unglückseligerweise fielen diese Worte in einer Fernsehdiskussion am gleichen Tag, an dem in Israel des Holocausts gedacht wurde. Doch Ministerpräsident Begins Reaktion übertraf jedes Maß und Ziel: "Es ist nackte Arroganz und Frechheit, meiner Generation, der Generation der Vernichtung und der jüdischen Wiedergeburt, zu sagen, daß Deutschland eine Schuld gegenüber den Arabern hat..."

Aufgestaut hatte sich die Wut, der sich die israelische Öffentlichkeit damals mit einem kollektiven Aufschrei anschloß, aber auch durch die Enttäuschung darüber, daß Helmut Schmidt einer Einladung nach Jerusalem seit Begins Regierungsantritt im Jahre 1977 konsequent aus dem Weg gegangen war. Israel zuliebe wollte der Kanzler nicht auf jede eigenständige Politik im Nahen Osten verzichten. Auch das Recht zum Widerspruch gegen Begins Groß-Israel-Ideologie, die ihm verdächtig war, weil sie der Suche nach einer friedlichen Lösung für das Nahost-Problem im Wege stand, wollte er sich nicht nehmen lassen. In der israelischen Öffentlichkeit, die bedingungslose Unterstützung der israelischen Politik als Pflicht der Deutschen ansieht, wurde die Zurückhaltung mit dem Vorwurf bedacht, Schmidt habe keinen "Wertmaßstab für die jüdische Nation".