Der Kanzler, er redet und agiert seit Nordrhein-Westfalen wie unter Zwang. Wer ihm nach der Landtagswahl das eine oder andere Mal zuhören, ihm zusehen, ihn beobachten kann, der erlebt Helmut Kohl in Hochform, aber in einer merkwürdigen. Um Worte war der Pfälzer ja nie verlegen; meistens türmen sie sich zu gewaltigen Cumuli. Doch nun ereignet sich ein Wolkenbruch, aus dem es herausstürzt und herunterprasselt, eine Sintflut, die alles überspült: Worte über Worte, Satz nach Satz, weit ausholend und atemlos zugleich. Der Kanzler redet wie im Rausch.

Soll da etwas hinweggeschwemmt werden? Zum Teil hat die Sintflut Methode, etwa gegenüber Presseleuten, die vor lauter Antworten kaum noch zu Fragen kommen. Da soll die Vermutung weggeredet werden, Helmut Kohl gehe das Desaster in Nordrhein-Westfalen tief unter die Haut. Jede Antwort, und nicht nur ihr Inhalt, sondern vor allem ihr Nachdruck, soll zeigen: Das ficht mich nicht übermäßig an, das wirft mich nicht um, im Gegenteil, jetzt erst recht.

Also zieht der Kanzler alle Register, was er ja kann, aber noch mehr als sonst. Kein Problem, für das er keine Lösung wüßte, und zwar die einzig richtige; kaum ein simpler Tatbestand, den er nicht in weite Zusammenhänge rückte: Also, wenn ich die Geschichte betrachte ... Vom Hölzchen kommt er aufs Stöckchen und spannt zugleich riesige Bögen. Der Wille, Unversehrtheit zu demonstrieren, mobilisiert alle Fähigkeiten und Kenntnisse, und die sind, auf eine Weise, wahrlich nicht gering. Das geht bis in kleinste Details: Sogar der Anteil, den Peugeot am amerikanischen Automarkt hat, ist Helmut Kohl geläufig.

Je mehr er sich aber in der Öffentlichkeit ins Zeug legt, desto mehr verkehrt sich die Methode in ihr Gegenteil. Spöttische Bemerkungen, die Souveränität demonstrieren sollen, klingen nur noch aufgesetzt. Der Erdrutsch der Worte wirkt wie ein Schutzwall, den Helmut Kohl um sich legen will, wie eine Selbstbeschwörung, als wolle er nicht nur seinen Zuhörern, sondern vor allem sich versichern, daß alles, trotzdem, seine Richtigkeit hat. Das Auditorium bröckelt, aber Helmut Kohl redet und redet und redet – so sehr und so getrieben, daß sich unwillkürlich die Vorstellung aufdrängt, er werde auch noch reden, wenn er mit sich ganz allein sei...

Solche Einblicke gibt es selten. Nach Nordrhein-Westfalen ist der Kanzler angeschlagen, sogar schwer. Carl-Christian Kaiser