Hat Konrad Adenauer Verfassungsbruch begangen, als er 1958 eine "österreichische Lösung" der deutschen Frage skizzierte: die DDR frei, aber separat von der Bundesrepublik? Oder Franz Josef Strauß, der dem Kanzler damals sekundierte, als er 1966 der ZEIT erklärte, er glaube nicht an die Wiedervereinigung, nicht einmal in den Grenzen der vier Besatzungszonen?

Natürlich nicht. Sie haben beide nur jene Zwickmühle deutscher Politik verdeutlicht, die sich daraus ergibt, daß von den beiden Zielen der Grundgesetz-Präambel, "Einheit und Freiheit Deutschlands", in der Realität allenfalls eines zu erreichen sein mag – und daß wir vielleicht die Einheit drangeben müssen, um die Freiheit der Ostdeutschen zu erreichen. Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Jürgen Schmude hat an diesem Strang entlanggedacht, als er, wiederum an Österreich anknüpfend, vor dem Kuratorium Unteilbares Deutschland sagte, wir könnten "froh sein, wenn eine vergleichbare Lösung am Ende der weiteren Entwicklung stünde". Und wer wollte leugnen, daß wir, wäre dereinst eine "österreichische Lösung" zu haben, dann auch das Grundgesetz anders auslegen oder gar neu formulieren dürften?

Verfassungsbruch? Er ist wie Landesverrat eine Frage des Zeitpunkts. Schmude hat nicht ins Verbotene hineingedacht. Aber was sollte sein Vorstoß jetzt? Er kam zur Unzeit. Nur konkrete Hoffnung könnte uns berechtigen, das Grundgesetz zu revidieren. Wer sähe sie heute irgendwo wachsen? Th. S.