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Illustratoren Grimmscher Volksmärchen tanzen auf einem dünnen Seil. Sie müssen die Balance halten zwischen textgetreuer Interpretation und individueller Deutung, zwischen Anregung fremder und Disziplinierung eigener Phantasie. Die Tradition unendlicher Grimm-Adaptionen stellt dem Illustrator ebenso Fallen wie die durch triviale Märchenvermarktung aller Medien genormte ästhetische Erwartenshaltung von Bilderbuch-Käufern. Daher ist es schon ein Kleines Wunder, wenn jemand so unbefangen, sicher, zurückhaltend und beherrscht die fast zu Tode illustrierten bekanntesten Grimm-Märchen mit handwerklichem Können und künstlerischem Einfühlungsvermögen neu belebt wie die 1954 geborene österreichische Illustratorin Lisbeth Zwerger.

International bekannt und prämiert, hat sie vor allem Volksmärchen und Kunstmärchen illustriert – zum Entzücken der Fachwelt und ihres Verlegers, der zum Grimm-Jahr die drei seit 1978 erschienenen Bilderbücher der Märchen "Hänsel und Gretel", "Die sieben Raben" und "Rotkäppchen" in einer preiswerten Kassette neu herausbringt –

Lisbeth Zwerger: "Drei klassische Grimm-Märchen. Hänsel und Gretel; Rotkäppchen; Die sieben Raben"; Verlag Neugebauer Press, Salzburg und München; je 28 S., 29,80 DM.

Märchen gibt es seit und solange Menschen einander erzählen, sich erzählen lassen. Zeitlich einordnen können Experten Entstehung und letzte Variante der schriftlich fixierten und von Sammlern bearbeiteten Fassungen bestenfalls vage nach den geschilderten Gesellschaftsordnungen und sozialen Wertvorstellungen.

Die von Zwerger illustrierten europäischen Volksmärchen bedienen sich eines Personen-, Geräte-, Moral- und Symbolvorrates feudaler, bäuerlicher und ständisch-städtischer Gemeinschaften, der durch Übernahmen aus der technisierten Industriegesellschaft ganz offensichtlich nicht aktualisierbar ist. Trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt er schon für Kinder verständlich und nachvollziehbar.

Zwerger siedelt ihre Illustrationen an Landschaft, Architektur, vor allem aber Kleidung und Gegenständen erkennbar in der ihr noch vertrauten bäuerlichen Gesellschaft der Alpenländer an. Tracht und Schuhwerk des Jägers im "Rotkäppchen", Hänsels Stall und der Schwester Ausrüstung auf der Suche nach den "Sieben Raben" zeugen davon.

Die gebrochenen erdigen Farben ihrer Aquarelle mit gestrichelten Konturen – verdüstert oder aufgehellt durch Gouache-Farben – die immer in Bewegung überraschten Figuren und die sorgsam ausgewählten Szenen begleiten die von den Brüdern Grimm 1812 zuerst veröffentlichten Märchentexte in der späten, vielfach überarbeiteten Fassung der Ausgabe letzter Hand des Jahres 1857.

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Max Lüthis Formel von der Eindimensionalität des Märchens zielt vor allem auf das selbstverständlich hingenommene Neben- und Ineinander von Wunder und Wirklichkeit. Zwergers Illustrationskunst besteht auch diese – von den meisten Illustratoren zugunsten des effektreichen Wunderbaren verfehlte – Prüfung. Sie läßt dem Wunder gerade soviel Raum, wie zur Aussage des Märchens notwendig ist. Dann aber schildert sie es mit den Stilmitteln des Realismus. Die sehr selten dargestellte und fast immer mißlungene Befreiung der Großmutter aus dem Bauch des Wolfes wird zur hervorragenden Bewegungsstudie eines alten Menschen. Die hilfreichen Sterne in den "Sieben Raben" sitzen ihrer goldenen Hauben nicht achtend debattierend auf Holzschemeln. Die Darstellung des Lebkuchenhäuschens und des gewonnenen Schatzes in "Hänsel und Gretel" meidet jede Übertreibung.

Die mit Bruno Bettelheim erneut in Mode gekommene psychoanalytische Deutung versteht Wirklichkeit und Wunder der Märchen als Symbole psychischer Vorgänge. Rotkäppchen: das Mädchen in der Pubertät, das mit der ersten, durchaus gewünschten Verführung konfrontiert wird – Zwergers Wolf beherrscht die Gesten des Verführers ohne seine exakt wiedergegebene Tiergestalt aufzugeben. Hänsel und Gretel: Halbwüchsige, die sich von ihrem Elternhaus lösen und der nährenden, aber auch verschlingenden Mutter gepeinigt die Gestalt einer Hexe geben – meisterhaft hat Zwerger diesen Popanz einer psychischen Ablösungssituation in der schemenhaften, aufgeblasenen, aber suggestiv-vereinnahmenden "Hexe" dargestellt.

Jedes einzelnen Menschen Tatkraft und die Erlösungsfähigkeit der Menschen füreinander sieht Lüthi in vielen europäischen Volksmärchen symbolisiert. Lisbeth Zwerger folgt ihm, wenn in den "Sieben Raben" die treue kleine Schwester ihren "verzauberten" Brüdern uneigennützig und redlich die Menschengestalt wiedergibt. Keine Heldin, keine Prinzessin – ein Mädchen mit Kopftuch, Schürze und grobem Schuhwerk, voller Angst und guten Willens: jedermanns Schwester, jedermanns Märchen. Birgit Dankert