Die Gegend umfaßt drei Straßen, und man hat sie in zehn Minuten abgeklappert. Der Delikatessenhändler ist gelernter Koch und stellt die Pasteten selber her. Er fragt sich täglich, warum jüngere Lehrer fast alle links reden und rechts leben und gegen sich selbst nie streng sind. Und er freut sich, daß seit dem 8. Mai auch ältere Frauen immer wieder davon reden, wie sie im Krieg und später auch noch ihren Mann stehen mußten und trotzdem keine Emanzen wurden. Und er hört zu, wenn die alten Männer, durch die neuesten Fernsehfilme angestiftet, nur noch sagen, daß sie einerseits Wunder vollbracht hätten und andererseits überlebten, was ja auch ein Wunder sei. "Nun haben meine Kunden endlich alle ihre Aufkleber, von ‚Atomkraft – nein, danke‘ angefangen", folgert der Delikatessenhändler, "und jeder sieht nur sich selbst."

Die Pächterin der alteingesessenen Drogerie sagt, daß manche Hausfrauen tun, als ob ihre Männer nur zur Probe da wären, im Durchschnitt jedoch pflegeleicht seien. "Und wer einmal im Leben scheitert", behauptet sie, "betrachtet sich als Opfer und deckt sein Scheitern damit zu. Und grüßt man Kundinnen aus Versehen einmal nicht mit ihrem Doppelnamen, wird man sofort korrigiert. Und falls jemand nicht genau weiß, was er will, frage ich einfach, ob er Probleme hat. Das streicht ihn heraus. ‚Hier bin ich‘, scheint jeder zu rufen, der meinen Laden betritt. Die Mieten in dieser Gegend liegen ja auch bei 1000 Mark im Monat und darüber."

In der Schnellreinigung bedient nachmittags ein Student. Er spricht von einer neuen Lügenhaftigkeit der Kunden, die sich meistens mit den Erfahrungen anderer brüsten, ständig ihre Sensibilität anpreisen, von der Gesellschaft reden, aber sich dabei meinen und laut und deutlich über einem Gewusel von Unwichtigkeiten brüten.

Für den Apotheker steigt bei seinen Kunden der Hang zur Offenlegung ihrer Schwierigkeiten parallel zu dem Grad ihrer Selbstbewunderung. Reden sie von ihren Ängsten, hat einer bestimmt noch mehr davon. Der Konkurrenzkampf kann beginnen. Wohin das bloß noch führen soll, fragt er sich ständig. Ist das bloß ein übertriebenes Geltungsbedürfnis in einer Zeit, wo alles übertrieben wird, und jeder sich aufgefordert sieht, die Hand zu heben und mitzureden? Oder ist es ein Zeichen mangelnder Bildung?

Das Wort Bescheidenheit spricht er hinter vorgehaltener Hand aus, aber nur auf Latein. Dann halten die meisten Kunden "Modestia" für ein Arzneimittel und erkundigen sich, wogegen das gut sein soll.