Von Nina Grunenberg

Amsterdam‚ Ende Mai

Welche Kanonen sie auffahren können, wenn ihnen ein Besucher nicht paßt, hatten die Holländer gerade erst dem Papst demonstriert. Die Deutschen, die als nächste auf der Matte des königlichen Palastes in Amsterdam standen, waren auf alles gefaßt. Gewappnet mit Heidenrespekt vor dem protestantischen Charakter ihrer gestrengen Nachbarn und frisch gebildet durch die Lektüre des Buches von Ernest Zahn über die Regenten, Rebellen und Reformatoren im "unbekannten Holland" – Otto von der Gablentz, der deutsche Botschafter im Haag, hatte den Band in kluger Absicht in der Delegation verstreut – hofften sie Gnade zu finden, doch erwarteten sie lieber nicht zuviel.

Die ausgedehnten Feiern der Holländer zum vierzigjährigen Gedenken an den 8. Mai und das Ende der fünfjährigen Besatzungszeit durch die Deutschen hatten gerade erst wieder schlimme Erinnerungen ins Bewußtsein gehoben. Wie plötzlich die deutsch-niederländischen Bemühungen psychologisch zusammenbrechen können, ist eine Erfahrung aus den siebziger Jahren, als die Bundesrepublik im Nachbarland während der Terroristenbekämpfung nur noch pauschal als "Polizei-Staat" firmierte. Das Horrorbild, das die Medien damals entwarfen, hat sich schon seit geraumer Zeit gewandelt. Die Meinungsmacher gehören inzwischen zu einer jüngeren Generation von Journalisten, die die Bundesrepublik zwar nicht weniger kritisch betrachtet, aber kenntnisreicher, differenzierter und interessenbezogener urteilt.

Die Berichte und Kommentare über die Gedenkfeiern zum 8. Mai waren mit den Gefühlen der deutschen Nachbarn unerwartet glimpflich umgegangen. Mit der Rücksichtnahme war es vorbei, als sich der Streit um den Besuch von Präsident Reagan in Bitburg anbahnte. Immer bereit, sich von den Deutschen moralisch beunruhigen zu lassen, verfolgten die Holländer mit empörter Verständnislosigkeit, wie Bundeskanzler Helmut Kohl zwischen den Gräbern von Bitburg versuchte, unter Beihilfe von Ronald Reagan die Vergangenheit zu begraben. Anders als mit den Amerikanern, mit Franzosen, Polen, Israelis hat es zwischen Deutschen und Holländern eine symbolische Geste der Versöhnung bis heute nicht gegeben. Sie ist auch von keiner Seite je angestrebt worden – ein Detail, das den moralischen Maßstab von Bitburg für die Deutschen zur Strafe macht; das Helmut Kohl als Politiker erscheinen läßt, der fahrlässig mit Symbolen spielt und das schließlich auch die Niederländer als Partner zeigt, die den Deutschen in ethischer Hinsicht noch rigoroser auf dem Gewissen sitzen können als die Israelis.

Aber auch Calvinisten können schmelzen. Es muß nur der Richtige kommen, ein "Mann mit Gewissen", ein "guter Deutscher", ein Vertreter des "anderen Deutschland", ein Mann, der "den deutschen Verrat an sich selber" überwunden hat – ein Wort aus dem Willkommensgruß des jüdischen Philosophen Martin Buber, als Theodor Heuss 1961 Jerusalem besuchte, das in den niederländischen Zeitungen auf Richard von Weizsäcker umgemünzt wurde, nachdem er seine Rede zum 8. Mai gehalten hatte.

Wie bei den Israelis, so hatte die Rede auch bei den Niederländern die Türen für den deutschen Bundespräsidenten weit geöffnet. Besonders wichtig war ihnen daraus der Satz, daß die Deutschen von den Nazi-Greueln hätten wissen können: "Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, daß Deportationszüge rollten." Nach "Bitburg" wurden diese Worte des Bundespräsidenten immer wieder zitiert, geradezu geschlürft – so groß war die Erleichterung über einenDeutschen, dem man glaubte, was er meinte: Er garantierte ihnen mit seinen Worten die moralische Kraft der deutschen Gesellschaft, für die sie immer wieder aufs neue Bestätigung suchen. Daß Weizsäcker seine Einsichten wie ein protestantischer Bischof verkündigen kann, verlieh ihnen in den Ohren der Holländer zusätzliche Glaubwürdigkeit: Prediger zählen bei ihnen seit eh und jeh zur Macht des Geistes, mit der sie zu rechnen wissen.