Die Bilder, die von Bettina von Arnim überliefert sind, zeigen sie fast immer mit einem Buch: mal ist sie tief über die Lektüre gebeugt, mal hält sie das aufgeschlagene Buch wie eine fromme Schülerin im Schoß, mal studiert sie, den Hals und den Lockenkopf in einem dicken Schal verborgen, mal trägt sie den kostbaren Band liebevoll ehrfürchtig in den Armen – als sei’s ein heiliger Gegenstand. Bei diesem Band übrigens handelt es sich um Achim von Arnims "Wintergarten", ein Jahr später wird sie sich mit dem romantischen Dichter-Freiherrn aus der Mark verloben, am 11. März 1811 ist sie seine Frau.

Literatur, wohin man blickt: Bettina ist die Enkelin der Sophie LaRoche, die mit Wieland verlobt war und der es als erster Frau in Deutschland gelang, sich als Schriftstellerin einen Namen zu machen ("Das Fräulein von Sternheim" hieß ihr viel gelesener Erbauungsroman) und nebenbei auch noch den dringend benötigten Haushaltszuschuß zu erschreiben. Sophie LaRoche wie auch Maximiliane, die jung verstorbene Mutter Bettinas, wurden von Goethe verehrt – die Enkelin ihrerseits ließ sich zu den Füßen der Frau Rat nieder, einmal auch auf dem Schoß des Geheimen Rats, und schrieb den schwärmerischen, Poesie und Realität auf das heftigste vermischenden Briefroman "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" (das Buch erschien erst 1835, vier Jahre nach Arnims und drei Jahre nach Goethes Tod). Bettina ist die Schwester des von ihr bewunderten Clemens Brentano, in dessen dichterischem Steinbruch die schimmerndsten Perlen und funkelndsten Edelsteine der spätromantischen Poesie verborgen sind. Bettina wird die Frau des Freundes des Bruders, der das norddeutsch preußische Gegenbild ist zum wilden, launischen Clemens, mit dem zusammen er die Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn" herausgegeben hat. Und Bettina ("soviel Geist und soviel Narrheit ist unerhört", schreibt ein erschöpfter Zeitgenosse, den ihre "Gedanken- und Körpersprünge" gleichermaßen verwirren), die selber schreibt, zeichnet, komponiert, die sieben Kinder mit Arnim hat: sie ist in ihrer exzentrischen Mischung aus Pragmatismus und Phantasie die vielleicht lebendigste und interessanteste Erscheinung in dieser familiären Literaturlandschaft.

"Du und ich sind außer aller Ordnung", schreibt Clemens, nicht ohne Genugtuung einmal an seine Schwester. Sie entwirft ein absolut scheußliches Goethe-Denkmal (läßt es leider auch ausführen), das allen bürgerlichen Vorstellungen vom Dichterfürsten huldigt – und sie verfaßt noch als ältere Frau soziale und politische Streitschriften wie "Das Buch gehört dem König" und "Gespräche mit Dämonen". Sie setzt sich hartnäckig für die Anstellung der aus Hannover vertriebenen Brüder Grimm in Berlin ein – und sie treibt den armen Pückler-Muskau mit ihrer niederwalzenden Zuneigung in die Fremde. Sie schwärmt weit aus mit Gedanken und Phantastereien, wenn es gilt, die Objekte ihrer Liebe und Heroisierung anbetend zu vergewaltigen (Arnim, Goethe, Clemens), und sie ist, wenn es sein muß, eine kaum zu irritierende Hausfrau, die ihrem lieben Achim folgende Liste der nach Berlin mitzubringenden Dinge nach Wiepersdorf schickt: "...das Teebrett, die Waage, die Leinwand, Milchgelte und Butterfaß, die Halsbänder von mir, den Mahonikasten, das Notenblatt Jomellis Miserere, was mir noch fehlt, das Zeug zum Kleid, was bei der Predigern noch liegt; auch glaube ich, sind noch etliche alte Kleider von mir dort, wenn es möglich ist, so bring oder schick die Gießkann mit erster Gelegenheit, die wir hier durchaus notwendig haben. Willst du mit dem Kleid lieber jemand ein Geschenk machen, so hab ich nichts darwider, bestelle bei Konrad Mehl, auch Roggenmehl und laß von ihm für die Leute Brot backen, aber nicht von Stolzenhain, der immer die Hälfte wegnimmt, richt es mit Konrad ein, daß er die Gänse und Enten einfordert und mästet, oder mach, wie du willst. Der Flachs muß auch jetzt gesponnen sein, den wir Weihnachten austeilen ließen; den überschicke an die Karoline Berndt in Jüterbog, daß sie ihn bei dem vorigen Weber weben, und womöglich auch in dies Jahr noch bleichen läßt. Könntest du vielleicht eine Fuhre bekommen nach Johanni, so war freilich noch manches, was ich gern hier hätte, zum Beispiel die Badewanne. Und vielleicht noch ein Transport Ertoffeln, wenn du die Kuh mitbringst... Du kannst überzeugt sein, daß sie uns das nicht an Futter kostet, was sie uns an Milch einbringt."

Zu Bettinas 200. Geburtstag hat das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt eine Ausstellung eingerichtet, die natürlich auch auf das Schönste von dem Ambiente profitiert: nahtlos geht sie über in die normalen Ausstellungsräume des Goethe-Museums am Hirschgraben. Stickereien, Zeichnungen, Manuskripte, eine Briefmappe, die Bilder der Familie, die Dokumente der Zeit, das Haupt- so gut wie das Nebensächliche, schließlich die Spuren des Wirkens in unserer Zeit in Günter Eichs und Sarah Kirschs Versen – all das ist zu sehen, will man offensichtlich sehen, denn in den Räumen ist ein stilles Kommen und Gehen.

Eine Literaturausstellung lebt, mehr als jede andere Ausstellung, von Katalog, der besonders auch für jene, die nicht die Wände ohnehin schon voller Literatur haben, ein Buch zum Lesen, der Schlüssel zu einer Entdeckung sein kann. Der Bettina-Katalog ist anständig gemacht, enthält auch ein paar gute Aufsätze. Aber allzu vieles vermißt man: Da ist weder ein Namensindex noch eine tabellarische Biographie Bettinas (beides würde gerade dem Laien die Orientierung erleichtern – von einem Stammbaum der Brentanos/Arnims gar nicht zu reden). Und im Abbildungsteil (der ohnehin nicht gerade verschwenderisch ist) hat man es nicht einmal geschafft, wenigstens alle wichtigen Porträts von Bettina zu zeigen. Schade, schade (Freies Deutsches Hochstift bis zum 30. Juni, danach Goethe-Museum Düsseldorf, Katalog 28 Mark). Petra Kipphoff