Von Siggi Weidemann

Die Flut kommt dicht an die Dünen heran, schwemmtSand weg und ein paar Planken an. Vogelschwärme versammeln sich: Möwen, Krähen, Strandläufer. Ein Jogger trabt vorbei; zwei Kinder spielen Ball. Auf dem "Zeedijk", der den Badestrand vom Ort trennt, dröhnt Lärm aus den Spielsalons. In den Cafés trinken die Urlauber bereits um zehn Uhr das süffige dunkle Bier. In den gläsernen Kiosken wischen die jungen Eisverkäuferinnen die Scheiben klar. Ein Hauch von südländischer Ferienstimmung weht über den "Zeedijk", den Vergnügungs- und Einkaufsboulevard des belgischen Seebads De Haan.

Wer zum ersten Mal die Stecke von De Panne bis Knokke abgefahren ist, jenen 68 Kilometer langen Streifen Nordseestrand, an dem sich 15 Badeorte aneinanderreihen, erschrickt über die klotzigen Appartement- und Hotelhochhäuser, die sich fast nahtlos am Meer entlangziehen. Nur De Haan macht ein Ausnahme. Der Geliebten des belgischen Königs Leopold II. sei es gedankt. Sie stellte diesen Villenort unter ihren persönlichen Schutz. Viele der eleganten und prächtigen Häuser aus der Epoche des Jugendstils sind erhalten geblieben. Die meisten dieser Villen stehen unter Denkmalschutz und werden als Hotels oder Pensionen genutzt.

Das milde Klima und die jodhaltige Seeluft haben das junge De Haan – es wurde erst 1887 als Badeort gegründet – rasch zu einem Modebad gemacht. Vermögender Adel und standesbewußtes Bürgertum pflegten in der "guten alten Zeit" hier die Sommermonate zu vertrödeln. Der Aufenthalt am weiten Sandstrand war ein gesellschaftliches Obligo, vor allem für die Brüsseler Schickeria, die die Nähe ihres Königs nicht missen wollte. 1895 wurde die "Société Anonyme Le Coq-sur-Mer" gegründet und eine wilde Bauspekulation begann. Hotels entstanden, "in allen Räumen mit fließendem Warm- und Kaltwasser und elektrischem Licht", Pensionen und Villen: weiße Mauern, säulenverzierte Eingänge, protzige Stuckarbeiten an den Giebeln. Lagen die Quadratmeterpreise 1887 noch bei fünf Franc, mußte man zwei Jahre später bereits das Fünffache bezahlen, und heute, wenn man überhaupt noch ein Stück Land bekommt, ist das Tausendfache des damaligen Quadratmeterpreises hinzublättern. Trotz allen noch sichtbaren Reichtums haben die Jahre doch an manchen Stellen den Pfusch aus den Boom-Tagen der Gründerzeit bloßgelegt: Sperrholz zeigt sich unter abbröckelnden Farben.

Wie der Badebetrieb in jenen Jahren funktionierte, ist. in einem Merkblatt nachzulesen: "Zum Umkleiden, um sich des Seebades zu bedienen, benutzt man einen Badekarren. Auch die züchtigste der Frauen muß sich nicht scheuen, sich eines solchen Badekarrens beim Baden zu bedienen. Es ist dafür gesorgt, daß durch einen seewärts niederzulassenden Vorhang die Badende sich jedem fremden Blick entziehen kann." Zudem signalisierte eine Fahne die Badezeit. Voyeuren in den Dünen drohten saftige Strafen.

So international die Klientel um die Jahrhundertwende gewesen ist, so vielsprachig zeigt sie sich auch heute noch. Die gutsituierten Niederländer, denen die eigenen Badeorte zu eintönig sind, machen hier Urlaub, es kommen Engländer, deutsche Familien, begüterte Wallonen und Flamen. Der Ferienbetrieb der Belgier spielt sich zum größten Teil im eigenen Lande ab, und da wiederum vor allem an der Küste. In den Ferienmonaten Juli und August ist das sehr deutlich zu spüren.

Außer Meer und Strand hat De Haan aber auch Heide und Moor, Wiesen und Weiden, Polder und Wald zu bieten. Der Wald, der sich auf einer Breite von rund einem halben Kilometer vom Meer bis an den Rand des Polderlandes erstreckt, ist der Stolz der Gemeinde und ein einzigartiges Wandergebiet. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts wurde er gepflanzt: Fichten, Buchen und Eichen auf sandigem Dünengrund. Wenn man den "Seewald" durchwandert hat, blickt man über das weite Polderland. Hin und wieder sieht man einen Bauern in blauer Jacke, mit rotem Halstuch und nicht selten auch ebenso roter Nase, der auf einem dreibeinigen Schemel hockt und bedächtig eine