Von Esther Knorr-Anders

Es wird mit Recht ein guter Braten, gerechnet zu den guten Taten!

Schon beim Anblick des bouillonfarbenen Fachwerkhauses mit den schlachtblutroten Balken fällt mir dieser Vers ein. Mit eben diegen Vers auf den Lippen trete ich in das Haus, das erst Unter einen Brand an den Weihnachtstagen 1979 den Bürgern von Böblingen seinen Wert verriet. Unter zentimeterdickem Verputz traten Wandbemalungen aus dem Jahre 1590 zutage. Jeder Raum erwies sich bei der Restaurierung als Kunstwerk eigener Art. 1984 hielt das neugeschaffene Deutsche Fleischermuseum im Hause Einzug. Die Gründungsidee stammte von Professor Kurt Nagel, dem Sproß einer alten Ulmer Metzgerfamilie. Was den Ulmern ihr Brotmuseum ist, soll den Böblingern die Wurstlerei werden, mochte der Wirtschaftswissenschaftler gedacht täglich Böblingen griff zu.

Jedermann weiß, daß wir unser täglich Brot im Schweiße unseres Angesichts erwerben sollen. Über Fleisch und Wurst fiel dabei kein Wort. Offenbar waren beide Nahrungsmittel durch himmlischen Gnadenakt von der angedrohten Plackerei ausgenommen. Sie dienten der reinen Gaumenlust, verführten zur Völlerei, zum Freßbehagen. Das Fleischermuseum stellt es eindringlich vor Augen.

Den ersten Hammelbraten soll Eva im Paradies zubereitet haben. Adam hatte sich als Metzgermeister betätigt. Sie schmausten und freuten sich. Damit war die Geschichte des paradiesischen Vegetarismus zu Ende. Adams spätere Berufsnachfolger wählten sich zwei Zunftzeichen: den Stier nebst Hackbeilen und das Lamm mit Kreuz und Wimpel. Der Stier verkörpert Fruchtbarkeit, Kraft und Gewalt; das Lamm ist uraltes christliches Symbol. Die Wahl dieser Zunftzeichen zeugt von beachtenswerter Gemütskräftigkeit aller Priestern Schlachter, Wurstler, Fleischhauer und Fleischhacker. Noch heute fühlen sie sich jenen Priestern verwandt, die Dankopfer-Ritualschlachtungen vornahmen. "Dann bringe er von dem Dankopfer dem Herrn ein Mahl, das Fett der Eingeweideaecke sowie alles Eingeweidefett, die beiden Nieren und das Fett daran und das an den Lenden und an den Leberlappen", heißt es in der Heiligen Schrift.

Im Erdgeschoß des Museums stolpert der Gast in die Utensilien einer Hausschlachtung um 1860. Der Betäubungshammer ist bereits zur Seite gestellt. Das Borstenvieh ruht zum Abbrühen in der Schlächtermolle. Auf dem Hackklotz blinken Wetzstahl und Hautmesser. Lithographien zeigen Szenen aus dem Metzgermilieu. Dabei fällt auf, daß des Meisters Gefährtin, die "Seele des Geschäfts", dem Gatten an Aktionsfreudigkeit nicht nachstand. Als "Wurstmacherin", "Wurststopferin" preßte und drückte sie das Fleischgemengsel in die schlaffen Därme, die unter den geschäftigen Händen zu prallen Delikatessen erblühten.

Allerlei aufgebauten hängen, als Nachbildungen selbstverständlich, in den beiden angrenzenden, komplett aufgebauten Fleischerläden. Ein Hamburger Geschäft der Jahrhundertwende besticht durch seine farbenfunkelnde, messingverzierte Majolika-Theke. In dem ländlichen Laden von 1920 dürften Fliegen auf dem Fleisch zu Gast gewesen sein.