ARD, Donnerstag, 30. Mai: "Unsere Schlesier", Reportage von Robert Hetkämper

Nach stundenlangem Gerede über die Fußballkatastrophe, das, immer mit denselben Bildern illustriert, zu immer denselben Schlußfolgerungen führte, wurde den Schlesiern eine halbe Stunde eingeräumt, in einem Land, in dem es junge Menschen gibt, die Schlesien von Schleswig nicht unterscheiden können. "Unsere Schlesier" hieß diese Sendung, womit jener unbedacht in die Welt hinausposaunte, mißverständliche Schlachtruf "Schlesien ist unser" zurechtgerückt wurde. Ein Mann wurde gezeigt, der die hunderttausend Plaketten für das Schlesiertreffen mit dem neuen Motto versehen mußte, und auch der Redakteur des Schlesierblattes kam ins Bild, der die Auskunft verweigerte über jenen martialischen Artikel, in dem die Bundeswehr aufgerufen wurde, sich mit der Rückeroberung der verlorenen Provinz zu beschäftigen.

Nein, in dieser Sendung wurde Schlesien nicht landsmannschaftlich verherrlicht, es wurde aber auch nicht Gericht gehalten über das, was verbitterte Menschen an ihrer Vergangenheit nicht begreifen können. Einem älteren Herrn wurde also kommentarlos gestattet, auf eine mit Wappen verzierte Landkarte von Schlesien zu pochen und dazu zu sprechen: "Solange die Oder fließt und das Riesengebirge noch steht, bleibt Schlesien unser." Und eine resolute Dame wurde ins Visier genommen, die sich darüber beschwerte, daß die deutsche Jugend nichts mehr über Schlesien erfährt. Als sie dann aber revanchistische Töne anschlug, sprachen andere Damen es deutlich aus: "Wir wollen mit Politik nichts zu tun haben!" Womit sie hinsichtlich unseres Verhältnisses zu jenen verlorenen Quadratkilometern realistische Bescheidung bewiesen.

Es wurde Kuchen gegessen und gesungen. Auch wenn Pommern sich treffen und Ostpreußen, geht es so zu. Deckchen wurden gestickt, Trachten gebügelt und Zinnteller geputzt, eine fast sakrale Verehrung jener Fetische, die an die Heimat, also an die verlorene Kindheit, erinnern. Gemütsaufladungen sind das, die auf anderer Ebene unsere liebe, etwas dusselige Bundesrepublik durchaus bereichern: Denken wir an die Autoren, die aus dem Verlust von Heimat die Literatur der Nachkriegszeit gewichtig machten, zum Beispiel an Grass, Johnson, Lenz und Bienek. Horst Bienek, der für diese Ecke des verlorenen Ostens zuständig ist, erklärte denn auch, wie man es anstellen muß, von Schlesien zu reden, ohne die Heimat in ein kitschiges Heiligenbildchen zu verwandeln: der Wahrheit die Ehre geben. In seinen Romanen hat er es getan. Wo blieb denn nun das liebe Schlesien? Viel war da nicht zu machen, die dreißig Minuten reichten hinten und vorn nicht. Alte Herrschaften wurden gezeigt, wie sie auf polnische Jugendgruppen trafen, was, wie der Autor des Filmes richtig bemerkte, ohne Konflikt abging, aber auch ohne Kontakt. Einem deutsch-polnischen Brautpaar konnte zugeprostet werden: "Hoch sollen sie leben...", und dann konnte man mit ansehen, wie zwei Schwestern ihr Elternhaus zum erstenmal wiedersahen: "Guck mal, der Zaun ist immer noch da ..." Sie wurden von den Polen, die jetzt dort wohnen, willkommen geheißen. Ob sie zurückgingen, wenn Schlesien wieder deutsch werden würde? "Um Gottes willen, nein!"

Natürlich durfte auch der weißhaarige Herbert Hupka in dieser Sendung nicht fehlen, ein etwas weltfremd wirkender Gralshüter. Er durfte aussprechen, was ihn bewegte. Man ließ ihn das tun, und das war gut so. Die Fairneß und die Wärme, mit der dieser Film von Robert Hetkämper gemacht wurde, war wohltuend. Als dann nach dem Film die bundesdeutsche Blödelei wieder losgelassen wurde mit dem unerträglichen Udo Lindenberg und mit jungen Menschen, die, von Bonbonfarben umloht, das Gesicht verzerrten, da bekam man dann zu einem nachdenklichen Blick in die Vergangenheit auch gleich einen Blick in die Zukunft serviert, und das war ein Gewinn.

Walter Kempowski

Bis September übernimmt Walter Kempowski ("Tadellöser & Wolff, "Ein Kapitel für sich") unsere Kolumne "Fernseh-Kritik".