Von Aloys Behler

Je weniger wir etwas begreifen, desto mehr Worte machen wir darum. Bestürzung äußert sich in beredter Ratlosigkeit. Achtunddreißig Tote und fast fünfhundert Verletzte als Ergebnis eines Fußballspiels – wer kann das erklären? In der Hoffnung, daß der Schrecken sich mildert, wenn wir nur erst die Theorie des Übels gefunden haben, suchen wir nach der Plausibilität des Entsetzlichen. Doch was im Brüsseler Fußballstadion vor sich ging, über den rekonstruierbaren äußeren Ablauf hinaus, läßt sich auch eine Woche danach kaum fassen.

Eine rauschhafte Lust an der Gewalt brach sich Bahn. Noch während man die Toten hinaustrug, setzten sich junge Menschen randalierend in Szene. Handlungen, die von keinem Verstand mehr gesteuert schienen, von keinem Verstand noch nachzuvollziehen waren. Bilder, die das Fürchten lehrten. Daß das Fernsehen sie zeigte, in ihrer erschreckenden Unmittelbarkeit, war wohl richtig. Es hülfe nichts, die Augen zu verschließen vor der Realität dieser Symbiose von Sport und Gewalt.

Wir suchen nach den Ursachen der wachsenden Bereitschaft zu Ausschreitungen auf den Feldern – und neuerdings immer mehr auch auf den Umfeldern – des Fußballs. Entgegen mancher eiligen Vermutung wurden sie bislang nicht zweifelsfrei ausgemacht. Das komplexe Gefüge der Bedingungen, unter denen dieser Sport heutzutage betrieben wird, ist noch zu wenig durchleuchtet, kaum methodisch untersucht. Als wahrscheinlich zutreffend kann man deshalb nur vermuten, daß ein ganzes Bündel von Ursachen zusammenwirkt.

Schuld ist, noch bevor die Ursachen geklärt sind, pauschal schon zugewiesen worden. Das bietet sich an, das entlastet und erleichtert. Schuld hat, erstens, die Polizei. Sie hat, obwohl gewarnt, die Gefahr unterschätzt. Schuld hat, zweitens, der Fußball an sich. Offensichtlich vermag er das Aggressionspotential, das er mobilisiert, nicht zu kontrollieren. Schuld hat, drittens, die Gesellschaft. Sie läßt es zu, daß ihre Kinder unter Bedingungen aufwachsen, die eine Tendenz zur Gewalt verständlich erscheinen lassen. Hilft solche Schuldzuweisung weiter?

Zum ersten: Fußball im Hochsicherheitstrakt ist eine unerträgliche Vorstellung. Gewiß verlangt die schreckliche Bilanz der Ausschreitungen von Brüssel Konsequenzen, doch wenn erst jedem Zuschauer sein Wachmann zugeteilt werden muß, stellt sich die Frage nach der Legitimation des Vergnügens in gleicher Schärfe. Wie viele Polizisten garantieren Sicherheit? Ob das Aufgebot groß genug war, weiß man ja immer erst nach Abpfiff des Alarms.

Auch der Ausbau der Stadien unter Gesichtspunkten der Sicherheit hat seine Grenzen, sollen nicht Zuschauer einzeln wie Raubtiere im Laufgitter vorgeführt werden. Die Schwelle zur Gewalt läßt sich durch allerlei Maßnahmen vielleicht heraufsetzen, doch ist dies nur ein Kurieren am Symptom.