Von Rüdiger Jungbluth

Astronauten sind schwierige Interview-Partner. In seiner nüchternbiederen Art war Ulf Merbold ein Beispiel dafür. Astronauten gehen aus einer Auswahl von Hunderten hochqualifizierter Wissenschaftler hervor, geprüft auf Herz und Nieren und Nerven. Da mögen Ähnlichkeiten im Charakter wahrscheinlich sein. Fünf der sechs Crew-Mitglieder der ersten deutschen Weltraum-Mission im Herbst geben Segeln und Windsurfen als Hobby an. Zufall? Ebenso gemeinsam ist ihnen der Wunsch nach Distanz, die Scheu vor einer Öffentlichkeit, die so gerne moderne Helden hätte. Astronauten, die sich in den Vordergrund drängeln, gibt es nicht. Ihre Arbeit, die Kriterien ihrer Selektion, so scheint es, vertragen sich nicht mit dem Bedürfnis nach Selbstdarstellung.

Einen ganzen Packen Unterlagen bekam ich ins Haus geschickt. Dumme Fragen, so hatte Ernst Messerschmid am Telephon zu verstehen gegeben, werde er nicht beantworten. Und beim Besuch im Astronauten-Büro auf dem Gelände der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) in Köln-Porz schob mich der Physiker zuerst in den Spacelab-Simulator. "Damit Sie wissen, worum es geht."

Um Dr. Ernst Messerschmid geht es, den 40jährigen gelernten Klempner und Installateur aus dem Musterländle, der es auf dem zweiten Bildungsweg bis zum Wissenschafts-Astronauten gebracht hat. Und um die "D 1", die erste Weltraum-Mission unter deutscher Leitung. Am 14. Oktober wird der amerikanische Raumtransporter "Columbia" das Weltraumlabor "Spacelab" ins All bringen. Auf einer Umlaufbahn 324 Kilometer über der Erde werden fünf Wissenschaftler – ein Niederländer, zwei Amerikaner und zwei Deutsche – mehr als siebzig Experimente durchführen. "Recht intensive sieben, acht Tage", sagt Messerschmid mit dem Understatement des Naturwissenschaftlers. Auf Nachfrage räumt er ein: "Eine gewisse Abenteuerlust wird schon befriedigt. So ganz kühl läßt man das alles nicht über sich ergehen."

In wenigen Monaten an einem Ort zu sein, wo die Menschen früher Gott vermuteten – was ist das für ein Gefühl? "Existentiell ist es sicherlich", sagt Messerschmid, und er fragt sich, "welche Anwandlungen mich überkommen da oben". Er sei erstaunt gewesen, daß der nüchterne Ulf Merbold nach dem Flug so viel von der fragilen Atmosphäre gesprochen habe, von "dem Häutchen, das doch unser ganzes Leben bedeutet".

Beim Blick von hoch oben auf die Erde werden sich auch Ernst Messerschmids Gedanken ins Philosophische wenden. Obwohl "sicherlich nicht technikfeindlich", vermutet er auch bei sich einen "gewissen Lerneffekt", wenn er aus so großer Entfernung die Abgaswolken über den Industriezentren gesehen haben wird.

Der Wissenschaftler weiß, daß er "auch ein Verkaufsrepräsentant für das Produkt D 1" ist, ein Aushängeschild für die Forschungspolitik der Bundesregierung. "Aus Überzeugung", fügt er hinzu und überschwemmt mich mit Daten und Fakten zur internationalen Weltraum-Politik: daß der bundesdeutsche Steuerzahler für die Raumfahrt nur ein Fünftel dessen bezahlt, was ein Amerikaner zu diesem Zweck abfuhren muß; daß die Franzosen bei der Satelliten-Technik schon die Nase vorn haben; daß die Spacelab-Mission ein preiswertes Unterfangen sei; daß ...