Zu erwarten war der geballte Widerstand des deutschen Gymnasiums: Philologenverband, Oberstudiendirektoren, konservative Elternvereine. Legt doch der hessische Kultusminister eine neue, einheitliche Stundentafel für die gesamte Mittelstufe vor, die erstmals Polytechnik zum Pflichtfach auch für Gymnasiasten und Realschüler macht. Welch eine Idee: angehende Ärzte, Juristen, Chemiker verbringen ihre Schulzeit mit Töpfern, Schreinern – Kochen.

Der Protest aber kam aus einer ganz anderen Ecke. Die Sportlehrer und ihre Verbände zogen gegen die neue Stundentafel zu Felde, weil ihr Fach in den Klassen sieben und acht je eine Stunde zugunsten von Polytechnik abgeben soll. Übrig bleiben je zwei Sportstunden in diesen Klassen. Die Verteidiger der neuen Stundentafel rechnen vor, daß der Sport mit insgesamt vierzehn Wochenstunden in den Klassen fünf bis zehn von den Nebenfächern noch immer am üppigsten ausgestattet sei – etwa im Vergleich zur Musik (acht), zur Kunst (acht) und selbst zur Religion (zwölf).

Man mag darüber streiten, ob es weise war, in unserer ohnehin "verkopften" Schule, die am Kind im Grunde nur den Intellekt wahrnimmt, ein Stück praktisches Lernen auf Kosten des Sports zu verwirklichen. (Obwohl der Protest der Verbände eher den Abbau von Lehrer-Sportstunden und damit von Arbeitsplätzen für Sportlehrer meint).

Es geht aber vielmehr um ein ganz allgemeines Problem: Wenn der erreichte, aus Tradition und Zufall entstandene Zuschnitt einer Stundentafel nicht für alle Ewigkeit sakrosankt sein soll, dann bedeuten Änderungen immer: Was hier zuwächst, muß dort genommen werden.

An dem erbitterten Widerstand der von Kürzungen betroffenen Fächer und Fachlehrerverbände ist schon mancher kühne Reformplan gescheitert. Eine Stunde weniger Deutsch in Klasse sechs wird da zum Fanal für den Niedergang des muttersprachlichen Unterrichts und zur eindeutigen Ursache für die Rechtschreiblücken einer ganzen Schülergeneration. Wer also als Kultusminister an dieses labile Gleichgewicht rührt, muß sich fragen, ob die Sache lohnt, und wenn ja, ein dickes Fell mitbringen.

Auf längere Frist gesehen ist diese geplante Änderung in Hessen als Signal zu weiten. Ein Signal dafür, daß das Gymnasium inhaltlich die Ausweitung nachvollzieht, die es quantitativ durch die Erhöhung der Schülerzahlen in den siebziger Jahren erfahren hat. Es wird ernst gemacht mit einer gleichgewichtigen Bildung von Kopf und Hand – auch in den Gymnasien.

Die Zeichen mehren sich, daß andere Bundesländer nachziehen – als Antwort auf die Tatsache zum Beispiel, daß immer weniger Gymnasiasten direkt zum Studium auf die Universität wechseln und immer mehr eine Berufsausbildung wählen. Trotzdem wäre es verwunderlich, wenn das Gymnasium diese von oben verordnete Anpassung an andere Schulen fraglos und klaglos hinnähme. Wie lang hat es (um die Jahrhundertwende) gedauert, bis den naturwissenschaftlichen Fächern, den "Realien" ein gleichberechtigter Stand im Gymnasium neben den sprachlichen Fächern zugebilligt wurde? Oder sollte einmal eine Institution aus der eigenen Geschichte etwas gelernt haben?

Sabine Gerbaulet