Von Benjamin Henrichs

Wüst ist das Land und leer. Sandberge bis zum Horizont, weiß und kahl, oder mit niedrigem Gesträuch bewachsen. Ein dunstiger Himmel, grau, wäßrig, endlos. Ein paar Möwen kreisen, als seien sie die einzigen Bewohner der Welt.

Plötzlich in die Stille hinein ein ohrenbetäubender Krach. Im Tiefflug rast ein Düsenjäger über die Dünen, steigt steil in die Höhe, kippt zur Seite, zieht eine enge Kurve, fällt im Sturzflug zur Erde zurück, verschwindet hinter dem Horizont.

Kaum hat man sich vom Schrecken erholt, beginnt das Schauspiel von neuem, wiederholt sich in den nächsten Stunden an die hundert Mal. Dabei nimmt es an Bedrohlichkeit noch zu – jeder Pilot scheint seinen Vorgänger an Kunstfertigkeit und Todesmut übertreffen zu wollen, immer tiefer scheinen die Tiefflüge, immer steiler die Sturzflüge, immer tollkühner die Kehren in der Luft zu werden.

Den Mann, der mit mir durch die Dünen wandert, scheint der Irrsinn am Himmel nicht besonders zu irritieren. "Es macht Spaß, zuzuschauen", sagt er nur – und geht weiter.

Das weite Land, die tosenden Kampfmaschinen – wir befinden uns auf keinem exotischen Kriegsschauplatz, sondern mitten auf einer beliebten deutschen Ferieninsel. Im Sommer, wenn die Fremden kommen, werden die Düsenjäger schweigen, ihre Manöver und Kriegsspiele unterbrechen. Dann wird sich die Insel, wenn der Himmel mitspielt, wieder in unser trügerisches Wunschbild von "Schönheit" verwandeln.

Doch heute, an einem Tag im endlosen deutschen Winter, spürt man am ganzen Körper, daß "Insel" kein anderes Wort ist für "Paradies". Inseln sind Flucht- und Verbannungsorte, auf Inseln schickt man die Sträflinge. Der Inselbewohner ist ein freier Mensch und ein Gefangener zugleich. Er ist dem Dickicht der Städte, den Kämpfen des Festlandes entronnen. Nun kann er in Frieden leben – oder Krieg führen gegen sich selber.