Delhi, im Juni

Mit nervöser Spannung wartete Delhi auf den 6. Juni. Versammlungen von mehr als fünf Personen waren verboten, Armee und Sicherheitskräfte wurden in höchste Alarmbereitschaft versetzt. An allen wichtigen Verkehrsknotenpunkten gingen sie in Stellung. Nicht nur in der indischen Hauptstadt, sondern überall in Nordindien. Am 6. Juni vor einem Jahr hatte Indira Gandhi den Goldenen Tempel in Amritsar, den "Vatikan der Sikhs", von der Armee stürmen lassen, um dem Terror extremistischer Sikhs ein Ende zu machen, die sich dort mit ihrem Religionsführer Sant Jarnail Singh Bhindranwale verschanzt hatten. Doch die "Operation Bluestar" entpuppte sich als der schlimmste Fehler der trickreichen indischen Ministerpräsidentin. Sie hat mit ihrem Leben dafür bezahlt.

Ihr Sohn und Nachfolger Rajiv Gandhi steht nun vor dem größten Trümmerhaufen in der Geschichte des unabhängigen Indien. Die Sikhs, ein zwar kleiner, aber überaus einflußreicher Teil des indischen Volkes, haben sich der Mehrheit der Hindus total entfremdet. Tief verletzt sinnen immer mehr von ihnen auf Vergeltung. Der indische Geheimdienst befürchtete, daß sie den 6. Juni als "Tag der Rache" ausersehen haben, Rache für die drei Bluttage, die der Ermordung Indira Gandhis folgten, in denen Hindu-Mobs mehr als 3000 Sikhs grausam erschlugen, ihre Häuser und Geschäfte plünderten, ihre Frauen vergewaltigten, Rache aber auch für die Entweihung des größten Sikh-Heiligtums. Beim Sturm auf den Goldenen Tempel waren seinerzeit über 600 Menschen ums Leben gekommen, ein Teil des Tempelkomplexes fiel in Trümmer.

Am meisten schmerzt die Sikhs jedoch ihre "mit Füßen getretene Ehre und Würde". Kaum ein Gespräch, in dem die Angehörigen dieser Minderheit nicht sehr schnell auf dieses Thema zusteuern. Khalistan, der eigene Staat der Sikhs im Punjab, war bis zum Tempelsturm nur eine Fiktion, die in den Köpfen einiger weniger Fanatiker herumspukte. Inzwischen halten selbst die gemäßigsten Sikhs Khalistan nicht mehr für ein Phantasiegespinst. Kuldip Nayar, Indiens meistgedruckter Kolumnist, ein Mann, der im Gegensatz zu ausländischen Journalisten den Punjab noch regelmäßig bereisen darf, glaubt, daß mittlerweile "weitaus die Mehrheit mit den Militanten sympathisiert" – im Punjab selbst, aber auch in Delhi, der größten Sikh-Gemeinde außerhalb des Heimatstaates.

"Nach den Verfolgungen im letzten November werden wir den Hindus nie mehr trauen. Wo sonst können wir noch sicher sein, als in unserem eigenen Staat?", sagt Harcharan Singh. Über seine linke Gesichtshälfte zieht sich eine frische rote Narbe. Das Wrack seines Taxis steht noch immer rotgrau ausgebrannt in einer kleinen Seitenstraße unmittelbar hinter dem Connaught Place, dem Zentrum Neu-Delhis.

"Als die Hindus ihren Rajiv Gandhi mit noch nie dagewesener Mehrheit zum Ministerpräsidenten wählten, weil er ihnen eingeredet hatte, wir seien alle Extremisten und Terroristen, und das Land werde auseinanderfallen, wenn die Opposition drankommt", da begab sich Harcharan Singh auf eine Pilgerreise in den Punjab, "weil ich mich an einer solchen Wahl auf keinen Fall beteiligen wollte." Die Reise allerdings führte nicht in die heilige Stadt Amritsar, sondern nach Roda, einem kleinen Dorf im Distrikt Faridkot.

In Roda gab ein uralter Bauer Audienzen, hielt krause, fanatische Reden und sonnte sich im Glanz des Namens seines berühmten Sohnes, den er allerdings kaum gekannt hat: des Sant Jarnail Singh Bhindranwale, auch "Khomeini von Khalistan" genannt. "Mein Sohn ist bei dem Sturm auf den Goldenen Tempel nicht ums Leben gekommen", behauptet der 83iährige Joginder Singh. "Wäre er es, dann hätte die Regierung doch Photos von seiner Leiche als Beweis vorgelegt." Eifrig spinnt er an der Legende von dem überlebenden Bhindranwale, der jetzt nur auf den rechten Augenblick warte, um sein Volk zu retten.