Von Heinz Eduard Tödt

In der römisch-katholischen Kirche wird heute eine weltweite Auseinandersetzung geführt über die "Befreiungstheologie", in der Bundesrepublik versuchen starke Gruppen mit zum Teil öffentlichen Aktionen die politische Dimension der Predigt auszutilgen. Beides zeigt die unverminderte Aktualität des Jahrhundertthemas Glaube und Politik, das mit dem Kirchenkampf und dem Widerstand während des Hitlerregimes voll ins Bewußtsein getreten ist.

Max Weber stellte 1919 in seinem Vortrag "Politik als Beruf" seine Verantwortungsethik einer christlichen Gesinnungs- und Gewissensethik schroff gegenüber. Er verstärkte damit die Tendenz, das Gewissen in die Privatsphäre abzudrängen. Gleichzeitig charakterisierte der Lutherforscher Karl Holl den Glauben des Reformators als eine Gewissensreligion, die eminente Auswirkungen in der Sittlichkeit und Kultur Deutschlands gehabt hat und keineswegs nur auf eine sogenannte private Dimension menschlichen Lebens abgestellt war.

Als Luther 1521 in Worms vor dem Kaiser und den Fürsten, den Bischöfen und den Reichsständen ultimativ aufgefordert wurde, seine Lehre zu widerrufen, erklärte er: "... mein Gewissen ist gefangen durch Gottes Wort. Daher kann und will ich nichts widerrufen. Denn gegen das Gewissen zu handeln ist beschwerlich, unheilsam und gefährlich."

Es schien ungeheuerlich, daß ein Mönch das Urteil seines Gewissens den Herrschern über kirchliche und weltliche Ordnungen entgegenstellte und den Gehorsam verweigerte. Er hat damit das Thema Gewissen dem Protestantismus unwiderruflich eingestiftet.

Die tatsächliche Folge von Luthers Auftreten war nicht die "Besserung des christlichen Standes" und die Reformation der ganzen Kirche, sondern die Spaltung in zwei Religionsparteien, die sich für Jahrhunderte feindselig gegenüberstanden. Darauf war man in keiner Weise vorbereitet. Hüben und drüben glaubte man, in jedem Gemeinwesen müsse eine von allen vollzogene Gottesverehrung die Grundlage der öffentlichen Ordnung abgeben. Aus der Feindschaft der Konfessionen entsprang, besonders in Frankreich, ein fanatischer Überzeugungsterrorismus. Könige und Herrscher fielen durch Mörderhand. Jetzt mußte eine religionsneutrale politische Lebensform gefunden werden, ein "Staat", der in relativer Toleranz Leben und Sicherheit auch der Minderheitskonfession im Land garantieren konnte. Die Grundlagen des neuzeitlichen Verfassungsstaates wurden entdeckt, Glauben und Gewissen in langen Entwicklungen immer mehr in die Privatsphäre verwiesen. Der Staat, der sich selbst tendenziell auf Funktionen der äußeren Ordnung und der Rechtswahrung begrenzte, konnte in neuer Weise die Freiheiten der Bürger durch Menschen- und Grundrechte garantieren. Aber es gab gewaltige Gegenkräfte. Die Ideologie des Fasenismus drang in die Staaten ein, erfüllte sie mit expansivem Geist und verpflichtete die Bürger auf bedingungslose Vaterlandsliebe. Und im kommunistischen Sozialismus legte die führende Partei die Gesinnung auf die herrschende Ideologie fest.

Das unbequeme Gewissen