Dschinn verschenkt – Seite 1

Von Wolfdietrich Schnurre

Lassen sich eigentlich heute noch Märchen erzählen? Natürlich, die guten alten haben Bestand; wenn auch ihre platten-, film- und fernsehgerechte Vermarktung sie wurzellos, untransparent und schnellebig macht. Wie aber, wenn man neue, wenn man heutige Märchen erzählte? Gäbe es überhaupt noch angemessene, unserem angeknackten jetzigen Lebensgefühl entsprechende, mitteilenswerte Stoffe für sie? Darf man noch spinnen? Reicht die uns verbliebene, doch ständigen Schrumpfungsprozessen unterworfene Phantasie denn noch aus, jene Verzauberungen fertigzubringen, die aus einer Urangst ihren Beschwörungstext abzuleiten verstehen? Kann man noch über Unwirkliches schreiben? Hätte ein solches modernes Märchen vor dem Fernseher, neben dem Computer, zwischen den Comic-Heften Bestand?

Wäre wirklich ein Sprachduktus denkbar, der dem großen Wortsterben trotzte und, statt plaudernd, vielleicht mehr röntgend zu erzählen vermöchte? Kann tatsächlich ein Märchen heute noch glaubwürdig sein? Müßte die Wirklichkeit in ihm nicht verunstaltet wirken? Hingen seine Charaktere nicht durch, weil sie, dem "Es war einmal" noch verhaftet, statt heute zu leben, schon vorgestern starben? Und wie dieses Heute einbringen im Märchen? Wie in ihm die Zukunft benennen? Auf beides käme es diesmal schreibend doch an; und schreibend für Kinder zuletzt doch erst recht. Ja: Sollte man ihnen jetzt wirklich noch Märchen erzählen, die Unwahrheit sagen?

Und wenn man ein wahres Märchen zu erzählen versuchte? Ein Märchen, das stimmte; das nachprüfbar wäre? In dem auch die Unwirklichkeit ihren zu errechnenden Stellenwert hat? Die Philosophen, die Theologen haben es doch auch zu tun mit Metaphysik. Und die Schriftsteller, die eigentlichen Märchenerzähler, gerade sie sollten das Metaphysische, etwa das Geisterreich, meiden? Wenn aber nun die Geister Chiffren sind? Soll dann der Fleck, wo sie spuken, ausgespart bleiben? Fördert der Schriftsteller, er, der solchermaßen verhinderte Märchenerzähler, aber dann damit nicht die Unwirklichkeit eher, als daß er sie bannte? Hätte bannen nicht viel mehr mit seiner eigentlichen Aufklärungsarbeit zu tun? Wie aber bannen, wenn ich verschweige? Verschwieg ich damit nicht auch die verwandelnde Macht der Realität? Also laßt uns das moderne Märchen erzählen.

Wie aber sähe das moderne Märchen jetzt aus? Nun, es würde sich zunächst mit einigem Nachdruck sowohl des Drachens, der Hexe, wie auch der Geschöpfe anderer Welten begeben. Es hätte übergenug mit dieser – leibnitz’sch gesprochen – besten aller Welten zu tun. Könnte etwa zum Beispiel versuchen, unserer fortschreitenden seelischen Verarmung aufs eindrucksvollste Rechnung zu tragen.

Um Gottes Willen, hört man den Einwand, was soll ihm denn da zugemutet werden, dem kindlichen Leser! Zugegeben, keine unendliche Geschichte. Sondern eine spezifisch umgrenzte, eine präzise, gezielte. Eine karge moderne. Eine, die vor Wirklichkeitsbefunden fast birst; die ihren Wahrheits- und Spannungsgehalt aus extrem Aktuellem bezieht. Aus unserer Kommunikationsmisere vielleicht. Aus der Problematik, aufeinander einzugehen, miteinander zu reden. Ein auf Mitteilung bedachtes Kind als Hauptheld erkoren, und die Problemstory kann laufen.

Daß sie zum Märchen gedeiht, gedeihen muß, versteht sich jetzt, bei der Tiefe, der Schwere des Themas beinah von selbst. Denn ein Märchen macht schweben. Es hebt Darniederliegendes auf. Läßt Drohendes streckenweise arglos erscheinen. Unterlegt aber Arglosem auch den gebührenden Schatten. Ein Geist muß noch her; trocken sarkastisch beschworen. Er hat sich mit dem Kind zu befreunden.

Dschinn verschenkt – Seite 2

Wo Geister sind, sind Auftraggeber. Spuken ist noch niemals Selbstzweck gewesen; das weiß ein Kind. Beträgt unser Geist sich zudem, wie man es von früheren Geistern nicht kennt; ist er seines Geistseins müde, wenn nicht gar überdrüssig; erfüllt er nur widerstrebend noch seine gespenstische Pflicht: Dann sind ihm Anteilnahme und Gläubigkeit seines Objektes gewiß: Das Kind im Märchen offeriert seinen Schatz; es bietet an, sich in es hineinzuversetzen. Der kindliche Leser hat seinen idealen Identifikationspartner erhalten; Schorschi soll er hier heißen. Und dies ist sein Buch-

Florence Parry Heide: "Schorschis Wunsch", Zeichnungen von Edward Gorey; Diogenes Verlag, Zürich; 65 S., 9,80 DM.

Wir kennen Schorschi bereits aus zwei anderen Publikationen. Einmal ist Schorschi, statt zu wachsen, erfolglos geschrumpft; ein andermal versäumt er, einen Baum zu schütteln, dessen Blätter vorübergehend aus frischgedruckten Dollarnoten bestehen. Kein unbedingt leichtes Los also, Schorschi zu sein. Im vorliegenden Buch fällt es ihm, wie ja auch der Titel verheißt, allerdings eine Winzigkeit leichter. Obwohl er noch nie so sehr, so beharrlich Schorschi zu bleiben versucht hat (und letzten Endes auch blieb) wie in dieser zum ironischen Märchen verwandelten Fallstudie hier.

Der Anlaß ist offenkundig: Schorschi hat Geburtstag. Da kommt man bekanntlich um die eigene Existenz schlecht herum. Schorschi muß sie jedoch noch zusätzlich betonen. Denn die hyperpatenten Eltern haben andres im Sinn. Vater ist der Gasverbrauch zu hoch. Mutter taut den Eisschrank auf. In schöner Beharrlichkeit setzt Schorschi dem den unumstößlichen Fakt seines Welteintrittes entgegen. Der Vater kontert mit markigen Sprüchen. Mutters Gedanken eilen zum Hutgeschäft hin. Schorschi kann tun, was er will, man redet gnadenlos an ihm und aneinander vorbei.

Doch Schorschi hat seinem gutmütigen Stoizismus keine Grenzen gesetzt. Die Eltern, findet dieser schmerzende Ausbund an Gutgläubigkeit, müssen die Chance erhalten, die bisherige Geschenk-Abstinenz zu durchbrechen. Überall im Schrank hat Schorschi schon Platz geschaffen; der Tag ist schließlich noch lang; da kann allerhand angeschleppt werden. Ob das nun eine elektrische Eisenbahn oder ein eigener Fernseher ist. Und auch ein Pony wäre ja möglich oder ein Hund.

Im Garten ist von beiden allerdings wenig, um nicht zu sagen: gar nichts zu sehen. Bis auf ein frisch gebuddeltes Loch. In diesem Loch steckt ein dreckiger, ein verschlossener Krug. Schorschi säubert ihn in der Küche. Wie er ihn öffnet, steht da plötzlich kahlhäuptig, schnauzbärtig, mit zwei gewaltigen Ohrringen geschmückt, ein riesiger Dschinn. Ein Dschinn ist ein arabischer Geist. Typisch für Schorschi, daß er ihn, trotz des irritierenden Hausmantels erst für den telephonisch bestellten Gasmenschen hält. Dabei weiß er über Dschinns verdammt gut Bescheid. Sie hausen in Flaschen und Krügen, und man kann sich von ihnen dreimal was wünschen. Die Probe aufs Exempel ist denn auch über jeden Zweifel erhaben: Zack, und ein Geburtstagskuchen steht auf dem Tisch.

Strengt den Dschinn allerdings wahnsinnig an. Er gähnt, muß sich setzen. Dummerweise hat er auf dem Kuchen die Kerzen vergessen. Die Erfüllung des zweiten Wunsches holt das nach. Der Dschinn schläft fast ein. Was ihn so schlaucht, scheint jedoch auch ein absolutes Desinteresse an diesen Wunschprozeduren zu sein. Er verschwindet, um Kräfte zu sammeln, wieder im Krug. Wenn Schorschi den dritten Wunsch wisse, brauche er ihn ja nur aufzustöpseln, und er komme wieder heraus.

Dschinn verschenkt – Seite 3

Um diesen dritten Wunsch geht es. Und um Schorschis dringendes Bedürfnis, über sein Glück mit andern reden zu können. Denn die Eltern entfallen; die haben andere Sorgen. Und nicht den leisesten Hauch von Verständnis. Nur wieder den auf Zuwachs berechneten Pullover, den sie ihm zu jedem Geburtstag verehren. Auch Schorschis Freund Moschi spurt nicht so, wie er soll. Für ihn ist der Gasableser der Dschinn. Was jener nun wieder so gar nicht verträgt; typisch fernsehüberfüttert, die Jungens. Und die Verkäuferin in der Hutabteilung, wohin Schorschi die Mutter lustlös begleitet, sie findet sogar, so Freunde, wie Schorschi da im Krug einen hätte, die kämen und gingen. Ein liebendes Mutterherz jedenfalls stelle sie tausendmal höher. Nun, wir wissen Bescheid. Bleibt noch der Fahrstuhlführer im Kaufhaus. Pechvogel, der er aus Veranlagung ist, glaubt er Schorschi aufs Wort. Er solle ihm Glück wünschen. Schorschi wünscht es dem Mann.

Das seine jedoch ist auch schon besiegelt. Nicht, daß Schorschi über den dritten Wunsch noch nicht genügend nachgedacht hätte. Er war sogar auf den Gedanken verfallen, sich normal einen Krug mit einem Dschinn drin zu wünschen. Auch an eine Million Dollar hatte er flüchtig gedacht. Doch eben auch an vieles andere mehr. Es ist natürlich die Mutter, die da unwissend Abhilfe schafft. Sie entstöpselt fahrig den Krug, um vielleicht ihrem Waldmeisterpudding noch etwas hinzufügen zu können. Paff, steht der Dschinn in der Küche. "Na, los, was wünschst du dir?" fragte der Dschinn ungehalten. "Beeil dich. Ich habe meine Zeit nicht gestohlen."

Ist dies das Motto, dem Weltreiche ihr Entstehen verdanken? Nein. Dies ist die banale Aufforderung, keine Zeit zu vertrödeln. Worauf kommt man da wohl? Auf nichts als erpreßte Korrektheit zuletzt:

"Ich wollte, auf meinem Geburtstagskuchen wäre mein Name drauf

"Er ist drauf sagte der Dschinn.

Und richtig:"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Schorschi", ist auf dem Kuchen vermerkt. Im Grunde doch enorm suggestiv. Aber Schorschis Verhalten läßt eine theologische Deutung zunächst in den Hintergrund treten. "Schorschi setzte sichan den Küchentisch. Er zündete die Kerzen auf seinem Geburtstagskuchen an. Dann holte er ganz tief Luft, wünschte sich etwas und pustete die Kerzen aus. So! Er war sicher, sein Wunsch würde in Erfüllung gehen."