Wo Geister sind, sind Auftraggeber. Spuken ist noch niemals Selbstzweck gewesen; das weiß ein Kind. Beträgt unser Geist sich zudem, wie man es von früheren Geistern nicht kennt; ist er seines Geistseins müde, wenn nicht gar überdrüssig; erfüllt er nur widerstrebend noch seine gespenstische Pflicht: Dann sind ihm Anteilnahme und Gläubigkeit seines Objektes gewiß: Das Kind im Märchen offeriert seinen Schatz; es bietet an, sich in es hineinzuversetzen. Der kindliche Leser hat seinen idealen Identifikationspartner erhalten; Schorschi soll er hier heißen. Und dies ist sein Buch-

Florence Parry Heide: "Schorschis Wunsch", Zeichnungen von Edward Gorey; Diogenes Verlag, Zürich; 65 S., 9,80 DM.

Wir kennen Schorschi bereits aus zwei anderen Publikationen. Einmal ist Schorschi, statt zu wachsen, erfolglos geschrumpft; ein andermal versäumt er, einen Baum zu schütteln, dessen Blätter vorübergehend aus frischgedruckten Dollarnoten bestehen. Kein unbedingt leichtes Los also, Schorschi zu sein. Im vorliegenden Buch fällt es ihm, wie ja auch der Titel verheißt, allerdings eine Winzigkeit leichter. Obwohl er noch nie so sehr, so beharrlich Schorschi zu bleiben versucht hat (und letzten Endes auch blieb) wie in dieser zum ironischen Märchen verwandelten Fallstudie hier.

Der Anlaß ist offenkundig: Schorschi hat Geburtstag. Da kommt man bekanntlich um die eigene Existenz schlecht herum. Schorschi muß sie jedoch noch zusätzlich betonen. Denn die hyperpatenten Eltern haben andres im Sinn. Vater ist der Gasverbrauch zu hoch. Mutter taut den Eisschrank auf. In schöner Beharrlichkeit setzt Schorschi dem den unumstößlichen Fakt seines Welteintrittes entgegen. Der Vater kontert mit markigen Sprüchen. Mutters Gedanken eilen zum Hutgeschäft hin. Schorschi kann tun, was er will, man redet gnadenlos an ihm und aneinander vorbei.

Doch Schorschi hat seinem gutmütigen Stoizismus keine Grenzen gesetzt. Die Eltern, findet dieser schmerzende Ausbund an Gutgläubigkeit, müssen die Chance erhalten, die bisherige Geschenk-Abstinenz zu durchbrechen. Überall im Schrank hat Schorschi schon Platz geschaffen; der Tag ist schließlich noch lang; da kann allerhand angeschleppt werden. Ob das nun eine elektrische Eisenbahn oder ein eigener Fernseher ist. Und auch ein Pony wäre ja möglich oder ein Hund.

Im Garten ist von beiden allerdings wenig, um nicht zu sagen: gar nichts zu sehen. Bis auf ein frisch gebuddeltes Loch. In diesem Loch steckt ein dreckiger, ein verschlossener Krug. Schorschi säubert ihn in der Küche. Wie er ihn öffnet, steht da plötzlich kahlhäuptig, schnauzbärtig, mit zwei gewaltigen Ohrringen geschmückt, ein riesiger Dschinn. Ein Dschinn ist ein arabischer Geist. Typisch für Schorschi, daß er ihn, trotz des irritierenden Hausmantels erst für den telephonisch bestellten Gasmenschen hält. Dabei weiß er über Dschinns verdammt gut Bescheid. Sie hausen in Flaschen und Krügen, und man kann sich von ihnen dreimal was wünschen. Die Probe aufs Exempel ist denn auch über jeden Zweifel erhaben: Zack, und ein Geburtstagskuchen steht auf dem Tisch.

Strengt den Dschinn allerdings wahnsinnig an. Er gähnt, muß sich setzen. Dummerweise hat er auf dem Kuchen die Kerzen vergessen. Die Erfüllung des zweiten Wunsches holt das nach. Der Dschinn schläft fast ein. Was ihn so schlaucht, scheint jedoch auch ein absolutes Desinteresse an diesen Wunschprozeduren zu sein. Er verschwindet, um Kräfte zu sammeln, wieder im Krug. Wenn Schorschi den dritten Wunsch wisse, brauche er ihn ja nur aufzustöpseln, und er komme wieder heraus.