Vor Jahresfrist begann es ganz unten im Gebälk des Deutschen Fußballbundes zu knistern. Subversive Kreise machten sich ans Werk, den Offiziellen um Hermann Neuberger ein Kuckucksei ins Nest zu legen, und die Ahnungslosigkeit fußballunkundiger Juristen drohte zunächst, diesen furchtbaren, in seinen Folgen unabsehbaren Anschlag auf die heile Fußballwelt gelingen zu lassen.

In Kassel erheischte ein sich Fußballclub nennender Haufen Aufnahme in den hessischen Fußballverband, und zwar unter dem Namen "FC Dynamo Windrad". Die Initiatoren dieser Beleidigung der Fußball-Majestät darf man, wie anders, der alternativen Szene zurechnen. Kenner dieser Szene beobachten in ihr einen seit Jahren tobenden Flügelstreit. Die eine Fraktion pflegt militanten Fußballhaß. Für sie ist Fußball irgendwie doof und primitiv, in jeder Hinsicht unökologisch und womöglich ein Trick des Kapitals, die klassenkämpferische Weitsicht der Massen im Megawatt der Flutlichtanlagen zu blenden. Diese Leute spielen schon mal ein bißchen Federball, aber im Prinzip schonen sie ihre Knochen nach dem Slogan: Sport ist Mord.

Viel gefährlicher ist die andere Fraktion, die der fußballbegeisterten Alternativen. Diese strapazieren ihre WG Samstag für Samstag, indem sie sich pünktlich um 18. 03 Uhr die Sportschau reinziehen; sie verstehen echt keinen Spaß, wenn ausgerechnet zur Sendezeit von Europacupspielen ein Treffen der Friedensgruppe angesetzt wird oder über nicht erledigten Spül diskutiert werden soll. Und zu jeder sich bietenden Gelegenzeit kicken sie natürlich auch selbst die Pille. Solche Typen lassen dann auf Bolzplätzen oder gepflegten Rasenrechtecken ihre Langhaarmähne im Flügellauf flattern, nicken mit ihren Irokesen eine sauber getimte Flanke ins obere linke Eck und stecken in lila oder sonstwie alternativen Trikots. Das paßt nicht in die heile Welt des deutschen Fußballs.

Denn der FC Dynamo Windrad Kassel wollte ja nicht nur so zum Spaß kicken, sondern ganz ernsthaft in der Kreisliga B um Punkte und Meisterschaft spielen. Dazu mußte er freilich Mitglied des hessischen Fußballverbandes werden – und da stießen die Alternativsportler auf Granit. Leben wir denn in der DDR, wo Fußballvereine tatsächlich "Dynamo" oder "Lokomotive" oder "Vorwärts" heißen und nicht so positiv "Eintracht", so nüchtern "1. FC", so traditionsbewußt "1860" oder so marktwirtschaftlich "Bayer 05"?

Also: Aufnahme verweigert. Wenn der Herr Mast aus Braunschweig seinen Verein schon nicht nach seinem Feuerwasser nennen darf, dann erst recht nicht diese verhinderten Kreisligisten den ihren nach einem kommunistischen Vorbild. Es reicht schon, wenn Ewald Lienen öffentlich zur Wahl der Friedensliste aufruft – und nicht der CDU, wie man das von anständigen Bundesligastars erwarten kann.

Die Windraddynamiker ließen sich aber nicht abschrecken und zogen vor das Frankfurter Landgericht. Der Anwalt des hessischen Fußballverbandes prangerte den Namenswunsch als Verstoß gegen die politische Neutralität des DFB an – und der DFB ist so neutral, daß er einen politisch klingenden Namen einfach unter Zensur stellen muß. Schließlich hat er es nicht nur mit diesen Kasselern zu tun, sondern in deren Windschatten mit einer ganzen Latte von despektierlichen Aufnahmebegehren, zum Beispiel von "Internationale Berlin", "Traktor Marburg oder "Bahnhofsviertel Frankfurt" (die Kollegen vom hessischen Volleyballverband werden schon sehen, was sie davon haben, wenn sie eine Kasseler Volleyballmannschaft neuerdings unter dem Vereinsnamen "Blockfrei" mitpritschen lassen). In den Fußballverband jedenfalls gehören kommunistisch klingende Namen so wenig hinein wie leibhaftige Kommunisten in eine Gesamtschule oder in eine E-Lok.

Ein fußballbegeisterter Richter hätte dem wahrscheinlich folgen können, aber den Funktionären widerfuhr zunächst Schreckliches: Kammervorsitzender des Frankfurter Landgerichts war eine Frau. Diese ahnungslose Person fand zum Entsetzen der Verbandsvertreter und zum Entzücken der Alternativen, "Dynamo" klinge mehr nach Fahrrad und Bewegung, und da sei ja nun nichts dagegen einzuwenden. Ganz offenbar hat sie noch keinen Montagvormittag mit dem Studium der Tabelle des zweiten deutschen Staates verbracht, wo regelmäßig der Kampf zwischen "Dynamo" Berlin und "Dynamo" Dresden um die Spitzenposition dokumentiert ist.