Von Rainer Schauer

Altenburschla an der Werra lebt von seinerLage und seiner gepflegten Dorf-Architektur Ein paarmal im Jahr, wenn die Felder grün sind, wird die beschauliche Ruhe im nordhessischen Dorf Wanfried-Altenburschla empfindlich gestört. Dann kommt in schweren Limousinen, die mit den Insignien der Macht verziert sind, hoher Besuch angebraust, begleitet von Polizei-Eskorten und wuseligen Referenten. Aber Kanzler, Minister und Präsidenten bleiben nie lange in Altenburschla. Sie schreiten hinunter zur Werra, schauen über den Fluß auf den übermannshohen Drahtzaun und auf die breiten Schneisen, die in die Wälder geschlagen wurden. Manchmal, so registrierten Beobachter aus dem Dorf, sei so etwas wie Schmerz in den Gesichtern der Politiker zu entdecken. Aber das könne natürlich auch eine Täuschung sein. Dann sagen die Polittouristen ein paar schöne Dinge über das schöne Dorf Altenburschla, ernstere Sätze über die Grenzlage am Fluß, schreiben einige schicksalsschwere Worte ins Gästebuch der Gemeinde und klopfen dem Ortsvorsteher noch leutselig auf die Schulter. Dann braust der Konvoi wieder davon – Altenburschla, für die Zeit von ein paar Wimpernschlägen aus dem Alltag gerissen, hat seine Ruhe wieder.

Die ritualisierten Pflichtbesuche deutscher Politiker führen nicht zufällig ins obere Werratal, ins stille Ferienland "Werra-Meißner-Kaufunger Wald", wo Altenburschla liegt. Der Ort an der Grenze und am Fluß weist eine Besonderheit auf, die ihn von allen anderen Städten und Dörfern unterscheidet, die an der deutsch-deutschen Grenze liegen: Altenburschla wird von drei Seiten von der DDR umklammert, von drei-, vier- oder fünffach gestaffelten Grenzzäunen, Laufgräben, Sandstreifen und unsichtbaren Unterständen eisern umrahmt – ein Flaschenhals, der sich in die DDR reckt.

Für Altenburschla hat die Grenze aber auch Gutes gebracht. Der Ort wurde zu einer Pilgerstätte für einen nur vordergründig politisch motivierten Vereins- und Gruppentourismus, der vom Bundesinnenministerium subventioniert wird: Pro Kilometer erhalten Vereine, Organisationen, Gruppen oder Verbände einen Zuschuß von über zwei Mark und nochmals fünf Mark Übernachtungszuschuß pro Teilnehmer, wenn der Aufenthalt nicht länger als zwei Tage dauert. Bei Seminaraufenthalten an der deutsch-deutschen Grenze zeigt sich das Ministerium großzügiger und gewährt die Zuschüsse für einen längeren Zeitraum. Diese Sonderregelungen hat sich Altenburschla zunutze gemacht: "Von April bis November", sagt Ortsvorsteher Karl Montag, "sind wir an den Wochenenden ausgebucht."

Doch die Grenze allein hätte das nie ermöglicht. Dieser Gruppen-Tourismus floriert nur, weil Altenburschla unbestreitbar zu den schönsten Fachwerkdörfern in der Bundesrepublik zählt. Und hätte es in den späten fünfziger Jahren nicht den Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" gegeben, vielleicht wäre Altenburschla ein namenloses Dorf geblieben, wie so viele an der deutsch-deutschen Grenze. Aber Altenburschla hatte einen Karl Montag.

Von "Schlamperode" zum Musterort

Zu seinem 65. Geburtstag im Januar dieses Jahres schrieb die Werra-Runaschau: "Karl Montag – Gründer und Motor einer beispielhaften Gemeinschaft. Solches Lob ist dem ehemaligen Bürgermeister und jetzigem Ortsvorsteher von Altenburschla, der seit 1956 ununterbrochen als Parteiloser im Amt ist, schon oft zuteil geworden. Ihm ist es gelungen, aus dem einst verächtlich genannten "Schlamperode" ein Musterdorf im positiven Sinne zu machen, ein Dorf, in dem es sich leben läßt, das wieder genug Anziehungskraft besitzt, die Jungen im Ort zu halten. Vorbei sind die Zeiten, als in Altenburschla die Gummistiefel zu den wichtigsten Bekleidungsstücken gehörten, weil die Dorfstraßen nach Regenfällen im Schlamm erstickten. "Als ich damals aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft kam", erzählt der gelernte Einzelhandelskaufmann Montag, "sagte ich mir, das Leben auf dem Land muß wieder lebenswert gemacht werden."