Von Theo Sommer

Für einen Chinesen ist Zhao Zwang sehr hochgewachsen. Seinen Gönner Deng Xiaoping, er mit 80 Jahren noch immer die unbestrittene Nummer eins im Reich der Mitte ist, überragt der Ministerpräsident um Haupteslänge; auch der Parteichef Hu Yaobang wirkt neben ihm winzig. Zhao spricht flüssig und mit männlichem Timbre. "Von allen chinesischen Politikern hat er den kräftigsten Händedruck", sagte ein amerikanischer Diplomat von ihm. Sein Selbstbewußtsein entspricht der Dimension der Aufgabe, mit der er sich nun schon fast fünf Jahre als Premier herumschlägt: Das Milliardenvolk der Chinesen mit einem gewaltigen Sprung in die Moderne zu führen.

Zhao Ziyang residiert in Zhongnanhai, dem hinter roten Mauern versteckten Regierungsviertel gleich neben dem Kaiseipalast. "Hier sitzen der Staatsrat und das Zentralkomitee", sagt er. "Dies ist das Zentrum der Macht." Gäste empfängt er in einer üppig ausgestatteten Halle: wunderschöne Kassettendecke in zartem Blau-Grün-Gold; ein neunteiliger Paravent; vier große Gemälde der klassischen Manier an den Wänden; auf dem Teppich einige erlesene Vasen und zwei Bonsai-Bäume. Vor dieser Kulisse, die Tradition ausstrahlt und Macht, bewegt er sich mit einer Selbstverständlichkeit, die einen vergessen läßt, daß er ein Bauernjunge aus der Povinz ist. Zhao trägt gern westlicne Kleidung, elegant geschnittene Anzüge, weiße Hemden, modische Krawatten.

Der Premier ist 65 Jahre alt, doch sieht er zehn Jahre jünger aus. Es heißt, er jogge jeden Tag vierzig Minuten, um fit zu bleiben. Auch verzichtet er trotz eines mörderisch vollen Terminplans nicht darauf, täglich xiuxi zu halten – jenes Mittagsschläfchen, das die Führung neuerdings den Bürokraten und Parteifunktionären auszutreiben versucht. China zu reformieren, erfordert von seinen Führern ein ungeheures Arbeitspensum; da kommt es sehr darauf an, die Batterien immer wieder aufzuladen. "Die Hauptsache ist", hatte Bismarck einst dem Vizekönig Li Hung-tschang gesagt, "wenn in der obersten Leitung Raketensatz ist, dann geht vieles; wenn er fehlt, geht nichts." Zhao achtet darauf, daß der Raketensatz zündkräftig bleibt.

Zhao stammt aus der mittelchinesischen Provinz Henan; sein Vater war Gutsbesitzer und wohl auch Getreidehändler; sein Bildungsweg verlief in bürgerlichen Bahnen. Aber mit 13 Jahren trat Zhao in die Kommunistische Jugendliga ein, mit 18 Jahren wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei. Während des Krieges und danach hatte er allerlei Sekretärsposten inne und half in seinem Heimatbezirk die Bodenreform duchsetzen; 1951 wurde er nach Kanton versetzt und wurde nacheinander dritter Stellvertretender Sekretär der Provinz Guangdong, Sekretär und Politkommissar des dortigen Militärdistrikts, schließlich Erster Provinzsekretär.

Sein bäuerlicher Sinn für das real Mögliche brachte ihn bald schon in Gegensatz zu den linken Ideologen um Mao Tse-tung; zumal während des "Großen Sprungs" von 1958, der Chinas Landwirtschaft und Industrie in einem einzigen Anlauf modernisieren sollte. Zhao wandte sich gegen die Verteilung der Güter nach den Bedürfnissen und setzte sich dafür ein, den Bauern ihre Privatparzellen zu lassen. Er war es dann auch, der in Kanton jene Politik der "Readjustierung" ins Werk setzte, mit der Deng Xiaoping damals des Durcheinanders wieder Herr wurde. Kein Wunder, daß auch Zhao Ziyang in Ungnade fiel, als 1966 die linken Utopisten die "Kulturrevolution" auslösten. Er wurde seiner Ämter enthoben, mit einer Narrenkappe auf dem Kopf durch Kantons Straßen gezerrt, als "stinkendes Element der Grundbesitzerklasse" an den Pranger gestellt und zur Umerziehung aufs Land geschickt. Erst vier Jahre später tauchte er wieder auf: als stellvertretender Vorsitzender des Revolutionskomitees fern in der Inneren Mongolei. Im April 1972 kehrte er nach Kanton zurück und wurde dort bald Erster Sekretär der Partei und Vorsitzender des Revolutionskomitees, wie damals die Provinzgouverneure hießen.

Von da an führte seine Karriere steil nach oben. Deng Xiaoping war nach langer Verfemung stellvertretender Ministerpräsident geworden. Er erinnerte sich des jungen Mannes aus Kanton. Wie Deng einmal Helmut Schmidt erzählte: "Ich schickte ihn 1975 in meine Heimatprovinz Szetschuan, mit 100 Millionen Menschen unsere bevölkerungsreichste Provinz. Dort gab es viele Probleme. Die Leute hatten nichts zu essen. Deswegen bat ich ihn, von Kanton nach Szetschuan zu gehen. Er blieb drei Jahre. Schon nach zwei Jahren hatte er die Probleme gemeistert."