Der große Feldzug gegen die "Oblomow-Republik"

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juni

Reschid, dem Hochhaus-Handwerker, der über eine breite "Basis" für jede Art von Materialbeschaffung verfügt, tritt feuchter Schimmer in die Augen. Am Stadtrand von Moskau, in einer Neubauwohnung, die er durch zusätzliche Reparaturen erst beziehbar macht, schwärmt der tatarische Sprößling vom neuen russischen Parteichef. In einem Dreisatz faßt er immer wieder zusammen, warum für ihn mit Michail Gorbatschow eine neue Zeitrechnung begonnen hat: "Er ist jung. Er liest nicht vom Blatt ab. Und er nimmt erst recht kein Blatt vor den Mund."

Besonders begeistert ist Reschid, daß der Generalsekretär in freier und öffentlicher Rede, vom Fernsehen übertragen, den Diebstahl auf den Baustellen angeprangert hat. Es irritiert den geschickten Wohnungs-Monteur nicht im geringsten, daß auch er und seine Kollegen an diesem Neubau mit schwarz beschafftem Material arbeiten. Denn "im Prinzip" heiße er das ja nicht gut. Nur sei eben Gorbatschow der erste, der ernsthaft und uneigennützig für Gesetz und Ordnung sorgen wolle, der für diese langfristige Aufgabe auch das richtige Alter habe. Reschid ist seiner Sache sicher: "Man wird sich noch wundern."

Zur gleichen Prophezeiung hat sich der Sprecher der Deutschen Bank, Friedrich Wilhelm Christians, nach seinem zweistündigen Gespräch mit dem Parteichef hinreißen lassen. Der neue Generalsekretär sei eine "einzigartige Persönlichkeit". Und Thomas O’Neill, der wortgewandte alte Kämpe des amerikanischen Kongresses, urteilte nach einer vierstündigen Unterredung: "Er ist hart, er ist zäh, er ist stark. Keine Frage: Er ist ein Meister des Wortes, ein Meister in der Kunst der Politik und der Diplomatie."

Millionen politikferner Sowjetbürger und immer mehr bürgerliche Politiker, kommunistische Bauarbeiter und kapitalistische Banker, Proletarier und Parlamentarier vieler Länder – der 54jährige Michail Gorbatschow vereinigt sie. Sein Auftreten fasziniert fast alle, die ihn erleben. Dabei spürt jedermann die harte Unbeugsamkeit hinter seiner charmanten Biegsamkeit, den geballten Willen hinter dem gezeigten Wohlwollen, den kühl kalkulierenden Werber hinter den so heiß servierten Wünschen nach ökonomischer Entlastung durch politische Entspannung. Gorbatschow gewinnt Besucher und Beobachter dennoch, weil er Autorität zwar besitzt, aber nicht als Druckmittel einsetzt. Er muß sich nicht auf sie stützen. Westliche Weltreisende verblüfft er mit freier Rede und fachlicher Beschlagenheit, sowjetische Werktätige mit freiem Wort und demonstrativer Bürgernähe.