Auf Ruhe und Ordnung in ihrem Lande haben beide immer sehr geachtet. Aber als sie sich am Montag in London wiedersahen – Zhao Ziyang, der chinesische Regierungschef, und Margaret Thatcher, die britische Premierministerin –, da hatten sie auf einmal gemeinsame Sorgen:

  • Vor vierzehn Tagen verscherzte sich China durch eine 1:2-Niederlage gegen Hongkong die Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft; danach zogen aufgebrachte Fans demolierend durch die Straßen Pekings – die schlimmsten Ausschreitungen seit der Kulturrevolution.
  • England wurde soeben vom europäischen Fußball ausgesperrt, wegen der Missetaten englischer Fans, die am Mittwoch voriger Woche vor dem Europapokalspiel der Landesmeister Juventus Turin und FC Liverpool in Brüssel 38 Zuschauer, zumeist Italiener, in den Tod getrieben hatten.

Fußball und Gewalt – ein weltweites Problem. Brüssel kann überall sein. Aber das Desaster im Heysel-Stadion der Hauptstadt Belgiens und Europas war zugleich ein europäisches Trauerspiel. – In Belgien, England und Italien blühen jetzt nationale Vorurteile und chauvinistische Gefühle wieder auf, die man längst begraben wähnte.

Noch Tage nach dem Brüsseler Massaker liegen auf den 68 Stufen der Stehtribüne Z die Überbleibsel einer Massenpanik: zerfetzte Transparente, zerrissene Kleider, zerdrückte Brillen, zertrümmerte Gitter, zertretenes Brot, zerquetschte Früchte. Der Sommerwind verweht die roten Totoformulare, die schon vergilbten Zeitungen. "Juve, Italien träumt von Dir", prangt es von dem blutverschmierten Titelblatt der Gazzetta dello Sport. Gleich daneben zeugen leere Schmerzmittel- und Merfen-Packungen davon, daß für viele der Traum aus war, noch bevor er begonnen hatte.

Im englischen Teil der Stehtribüne flattern noch Flugblätter der faschistischen "British National Party": "Die Leute, die uns regieren, glauben nicht mehr an Großbritannien. Statt Internationalismus brauchen wir Nationalismus." Auf der Stadionmauer draußen neben dem Eingang Z haben sich "the best fighters" verewigt – mit SS-Rune neben dem Davidstern.

Das Unerwartete, von den Veranstaltern und der Polizei nicht Vorhergesehene, geschah am Mittwoch, dem 29. Mai 1985 um 19.27 Uhr, eine dreiviertel Stunde vor dem Beginn des europäischen Schlagerspiels. Liverpooler Fans durchbrachen die Abzäunung zum noch halbleeren Block Z, wo sich eigentlich nur neutrale belgische Zuschauer aufhalten sollten, aber wider Erwarten Juventus-Fans standen. Die Engländer fühlten sich von den Fahnen und Drohgebärden der Italiener provoziert, verspürten wohl auch angesichts des Leerraumes ein Expansionsbedürfnis. Sie eröffneten den üblichen Territorialkampf.

Die belgischen Behörden sind inzwischen überzeugt davon, daß der Sturm auf die Italiener geplant und "koordiniert" worden ist. Raymond Langendries, Kabinettschef des belgischen Innenministers, hat sich das verfügbare Videomaterial noch und noch vorführen lassen. "Es müssen Befehle gegeben worden sein, es muß Erkennungszeichen gegeben haben. Wie ist es sonst möglich, daß binnen drei Sekunden 300 Leute losstürmen?"