Ein konservativer Anwalt des politischen Realismus erinnert sich

Von Iring Fetscher

Raymond Aron hat zu seinen Lebzeiten Polemiken und Kritik ausgelöst, weil er stets dezidiert für eine nüchterne, realistische liberal-demokratische Politik eintrat. Weder für linke Utopien noch für rechte Ressentiments war er anfällig. Aber, auch wer seine politischen Optionen nicht immer einsehen mochte, konnte von seinen Analysen lernen. In einer seltenen Weise hat Aron die Gründlichkeit des Gelehrten mit der raschen Auffassungsgabe des guten Journalisten kombiniert. Oft wies er darauf hin, daß ihm für seine Kommentare und Leitartikel – im Figaro, im Combat und zuletzt im Nouvel Observateur – keine anderen Informationsquellen zur Verfügung standen als jedem von uns.

Und doch wußte er aufgrund seiner gelassenen Distanz zu den Ereignissen die Lage meist nüchterner und damit richtiger einzuschätzen als seine Kollegen und Leser. Während seiner Lehrtätigkeit als Gastprofessor in Tübingen machte er sich einmal über die paradoxe soziale Wertschätzung von Professoren und Journalisten lustig. Die Professoren, so meinte er damals, würden gewaltig überschätzt, führende Journalisten dagegen viel zu gering gewürdigt. Aron selber fügte etwas amüsiert hinzu, er werde daher vermutlich als Journalist unterschätzt und als Professor überschätzt. Seinen Memoiren entnehme ich jetzt, daß seine journalistischen Erfolge zweifellos zum Scheitern seines ersten Versuchs, an der Sorbonne einen Lehrstuhl zu erhalten, beigetragen haben.

Aron gehört zu den Memoirenschreibern, denen die Welt, in der sie leben, wichtiger ist als die eigene Person. Über sein Privatleben erfährt man wenig, wer ihn kannte, eigentlich nichts Neues. Nur sein erfolgreiches Tennisspiel, das dem Sozialprestige des Gymnasiallehrers in Rouen nützte, war mir unbekannt. Aron stammt aus einer im Ersten Weltkrieg verarmten bürgerlichen Familie. Der Vater hatte weder als Gelehrter noch als Verwalter des Familienvermögens eine glückliche Hand gehabt. Sein Sohn erhielt eine gut französische, aufgeklärte Erziehung. Man fühlte sich weit mehr als Franzose denn als Jude, woran auch der offenbar nicht besonders eindrucksvolle Unterricht durch einen Rabbi wenig änderte.

Für die geistige Entwicklung des jungen Studenten war einmal die Atmosphäre der "Ecole Normale Superieure" in der Rue d’Ulm – wo Jean Paul Sartre sein Kommilitone und Freund war – und zum anderen der Kontakt mit der deutschen Kultur ausschlaggebend. Von Sartre ist in den Memoiren mehr the Rede, als man –, aufgrund der in der Nachkriegszeit bald einsetzenden gegensätzlichen politischen Entwicklung der Freunde – annehmen konnte. Aron ist von der überlegenen Kreativität des genialen Sartre zutiefst beeindruckt. Er war es, der Sartre auf die Phänomenologie Edmund Husserls aufmerksam machte, deren Methode sich der Freund auf seine Weise rasch aneignen sollte. Ohne falsche Bescheidenheit, aber nüchtern und realistisch wie stets stellte Aron fest, daß ihm Sartre als origineller Denker überlegen sei. Das lenkte seine wissenschaftliche Aktivität auf philosophie- und sozialgeschichtliche Themen.

In Deutschland, wo er als Lektor bei dem bekannten Romanisten Spitzer in Köln und später in Berlin die Heraufkunft des Nationalsozialismus erlebt, eignet er sich eine gründliche Kenntnis der neueren deutschen Geschichtsphilosophie und Soziologie an und begeistert sich für das Werk von Max Weber, den er nach dem Krieg in Frankreich bekannt machen sollte. Weit stärker und rascher als Sartre reagiert er auf den deutschen Faschismus. Bald ist Aron davon überzeugt, daß es zum Krieg kommen wird.