Wenn Norbert Blüm den "Verfall der sozialen Sitten" bei den Ärzten beklagt, so meint er gewiß nicht alle Mediziner, sondern nur einige wenige, die als Verbandsfunktionäre den Stand in Verruf bringen – mit abgefeimten Reden. So erweckte der Hartmannbund unlängst den Eindruck, als stünden die Ärzte vor dem Ruin, sollte die Regierung auf den Gedanken neuer kostendämpfender Gesetze verfallen. Ganz unverhohlen wurde gedroht, in diesem Fall seien die 400 000 Arbeitsplätze der Ärztemitarbeiter nicht mehr zu halten; außerdem wurde das Ausbildungsplatzangebot in bisherigem Umfang in Frage gestellt. Wenn Blüm diese Kampagne "unverschämt und skandalös" nennt, so ist das noch untertrieben. Sie Erpressung zu nennen, wäre treffender.

Die Funktionäre haben wohl vergessen, daß die Ärzte unter den freischaffenden Akademikern zu der mit Abstand am besten verdienenden Gruppe gehören. Die auf Kosten der zahlenden Patienten erzielten Einkommenszuwächse waren in der Vergangenheit nachgerade so phantastisch, daß eine Wende nicht nur zumutbar, sondern dringend geboten ist. Dies gilt vor allem dann, wenn sich der sechs- bis siebenprozentige Anstieg der Arzneimittelkosten im ersten Quartal signifikant für die gesamte Entwicklung im Gesundheitswesen erweisen sollte. Sozialminister Blüm steht in der Pflicht, er darf sich nicht durch noch so erpresserische Drohungen vom Handeln abschrecken lassen. hff