Von Hanno Kühnert

Notare sind ein hochangesehener Berufsstand. Wie Türme in der Schlacht stehen sie im Wirtschaftsleben, denn bei ihnen hört das Feilschen und Über-den-Löffel-Balbieren auf: Sie müssen alle Klienten unparteiisch beraten, deren wirtschaftlichen Interessen schützen, Ansätze zu Streit oder gar Schäden verhindern. Sorgfalt, Ernsthaftigkeit und Jovialität mischen sich mit dem Glanz großer Summen, die durch die Hände dieser traditionsreichen Profession gehen.

Fast jedermann muß im Leben zum Notar, um etwas beurkunden zu lassen. Der Gesetzgeber erzwingt es bei wichtigen Geschäften, damit die Gauner gebremst, die Unerfahrenen geschützt werden. Erkleckliches von dem Geld, das die No-, tariate durchläuft, bleibt in den Händen der Notare hängen.

Ihr hohes Prestige, ihre Unabhängigkeit und ihr ehrenwerter Status riechen auch nach großen Geldscheinen, kein schlechter Geruch. So könnten die etwa 8830 Notare in der Bundesrepublik zufrieden sein, und die meisten sind es auch in ungewöhnlichem Maß. Nicht nur der Bürger, auch die großen Firmen, die Banken und Bauträger sind auf die Notare angewiesen.

Doch die "vorsorgende Rechtspflege", wie die Notare ihr Geschäft nennen, hat zunehmend Sorgen. Zwar werden sich die Notare Mitte Juni auf dem 22. Deutschen Notartag in München mit konventionellen Themen beschäftigen wie "Möglichkeiten und Grenzen notarieller Vertragsgestaltung bei Eheverträgen und Scheidungsvereinbarungen" oder mit Bauherrenmodell-Verträgen, die sie selbst nicht mehr verstehen, aber im Hintergrund lauern massivere Probleme. Auch auf diesem Berufsstand lastet ein – noch – mäßiger Druck der "Juristenschwemme". Es geht den Notaren an die Nieren, wenn sie die Forderung hören, sie sollten lieber mehr Kollegen zulassen und ruhig etwas weniger Gebühren einsacken, angesichts der Arbeitslosigkeit auch in juristischen Berufen sei doch wohl ihr numerus clausus mit gesichertem hohem Besitzstand zeitfremd.

Neue Notare nämlich gibt es nur nach "Bedürfnis", und darüber entscheiden die Justizverwaltungen. Der Notar hat ein staatliches Amt wahrzunehmen, er wird intensiv ausgebildet, geprüft, überwacht. Dazu gehört die beschränkte Zahl der Notare. Und sie wissen: Wenn die Pfründen sich mehren, werden sie weniger lukrativ.

Eine andere Sorge kommt eher von den Bürgern auf die Notare zu, aber diese sehen ein, daß der Ärger nicht unberechtigt ist. Zum Beispiel fuchste sich Herr J. aus Hamburg gewaltig, daß er nach Rückzahlung eines Kredits eine notarielle Urkunde über die Löschungsbewilligung benötigt, für die ihm der Notar 250 Mark Gebühren abknöpft, obwohl er sich die Sache kaum ansah und ins andere Zimmer spazierte. Dasselbe ärgerte den Klienten schon vor 15 Jahren, als er sein Haus kaufte. Der Notar bezieht oft leistungswidrige Gebühren. Wieso, fragt sich der Bürger (und sollte sich doch manchmal auch der Notar fragen), schanzt der Gesetzgeber eigentlich einer bestimmten Berufsgruppe Leistungen zu, obwohl diese kaum etwas dafür tut? Zwar gibt es hierfür eine plausible Antwort, aber daß bei krassen Mißverhältnissen zwischen Leistung und Gebühr doch ein Kompromiß angebracht wäre, sehen sogar die Notare ein: Sie planen nämlich (oder finden sich damit ab), daß die Gebühr für reine Unterschriftsbeglaubigungen auf zwanzig Mark heruntergesetzt wird – also auf eine leistungsgerechte Gebühr.